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Man
muss heute kein ausgesprochener Kulturpessimist mehr sein um bei
dem Gedanken an die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen,
in eine ausgesprochen sorgenvolle Stimmung zu geraten. Der
Fortschritt der menschlichen Vernunft und Technik, der uns doch
immer mehr Naturbeherrschung, Freiheit und Wohlstand bringen
sollte, hat, wie es scheint, zahlreiche unerwünschte
Nebenwirkungen: Die gesellschaftlichen und ökologischen
Probleme im eigenen Land und in der ganzen Welt werden
offensichtlich nicht weniger, sondern immer mehr,
und sie betreffen nicht mehr nur einzelne Regionen oder Nationen,
sondern immer deutlicher die Menschheit als ganze. An
ökologischen Problemen wie dem drohenden Klimawandel wird
deutlich, dass unsere Art und Weise, den Planeten zu bewohnen,
nicht nachhaltig ist. Auch der mörderische
Ausscheidungskampf, der die globale Menschengesellschaft
beherrscht, wirkt überwiegend zerstörerisch. Eine
Revision unserer Fortschrittsideen und unserer bisherigen
Weltinnenpolitik ist dringend geboten. Diese Revision sollten wir
nicht den Experten der alten Schule überlassen. Es gilt,
einen konstruktiven Diskurs anzuzetteln wo immer dies
möglich ist. Einem solchen Diskurs soll auch unser kleines,
örtliches aber weltoffenes Forum dienen.
Wir
stehen vor großen Herausforderungen. Daran zweifelt wohl
kaum noch jemand. Die Frage Wie soll das alles weitergehen?
drängt sich immer penetranter auf. Häufig geht diese
Frage, gemünzt auf die politischen, ökonomischen und
sozialen Probleme des eigenen Landes, mit Bitterkeit und Zynismus
einher, denn die Kassen der Solidargemeinschaft sind leer,
während sich auf einzelnen Konten Vermögen von geradezu
unanständiger Höhe ansammeln. Der dringende Verdacht,
dass die Chancen für ein gutes Leben in unserem Gemeinwesen
doch nicht gleich verteilt sind, erhärtet sich zunehmend.
Die laute Mahnung bestimmter Interessenvertreter, dass wir
jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt
hätten und unsere Gürtel nun wieder enger schnallen
müssten, klingen, je nach Sichtweise, immer einleuchtender
oder immer dreister. Eine Kapitalismusdebatte ist neu
in Gang gekommen, denn die nationalen und ebenso die
internationalen Probleme scheinen im wesentlichen von
ökonomischer Machart zu sein. Der gesellschaftliche Friede
ist im eigenen Land und weltweit durch wirtschaftliche
Verteilungsprobleme bedroht. Wir dürfen darüber aber
nicht vergessen, dass es inzwischen um weit mehr geht: um den
Frieden zwischen der Menschheit und der Natur.
Eine
einmalige Krise
So
möchte man sie nennen, denn eine solche Krise hat es nicht
gegeben, seit es Menschen gibt, und sie wird (wahrscheinlich)
keinen zweiten Versuch zulassen, wenn sie nicht auf
Anhieb gemeistert oder zumindest entschärft werden
kann. Wir werden immer mehr, die Welt wird immer enger, die
Ressourcen werden immer knapper, die Entsorgung unserer Abfälle
wird immer schwieriger, die Verteilung der Lebensgrundlagen immer
ungleicher, die weltweite Konkurrenz um die Märkte immer
härter, die Aggressionsbereitschaft immer höher; alle
paar Sekunden stirbt ein Mensch durch Verhungern, und jeden Tag
sterben mehrere Arten von Lebewesen aus; dabei holzen wir unsere
großen Wälder, den ganzen Tropengürtel, die grüne
Lunge der Erde, ab, verbrauchen wir unsere fruchtbaren Böden,
die wir versauert und versalzen der Erosion preisgeben,
verseuchen wir unsere Gewässer, sogar die Ozeane, mit
giftigen Absonderungen; wir verpuffen die in Jahrmillionen fossil
gespeicherte Sonnenenergie in wenigen Menschenaltern in Form von
Kohlendioxid und einer Menge anderer Ausdünstungen in die
Erdatmosphäre, stören damit den Wärmehaushalt
unserer Lufthülle, bringen das Erdklima in Aufruhr und
durchlöchern den atmosphärischen Schutzschild, der uns
vor der lebensfeindlichen kosmischen Strahlung bewahrt.
Wir
haben es nicht mehr nur mit einzelnen, voneinander getrennten
Krisenherden zu tun, die da und dort vor sich hin schwelen und
auch dann, wenn sie am Ende nur einen Haufen Asche und Schlacke
hinterlassen, allmählich von der Umgebung her wieder mit
frischem Gras überwachsen werden. Die zahlreichen kritischen
Entwicklungen zeigen sich nun als Syndrom, als miteinander
zusammenhängende Symptome einer globalen Krankheit,
so, als wäre der ganze Erdorganismus von virulenten
Krankheitserregern befallen, und diese Krankheitserreger sind
wir. Und wir müssen befürchten, dass die Schäden,
die wir dem Erdorganismus zufügen, dessen
Regenerationskräfte überfordern oder zumindest so stark
herausfordern, dass die Lage für uns, die Menschen, höchst
ungemütlich wird.
Im
Prinzip nichts Neues?
Wer
das Jucken noch nicht am eigenen Leib spürt wird
dieses Krisengerede für übertrieben halten
und sich vielleicht folgendermaßen äußern:
Gewiss, der rasante Fortschritt bringt einen erhöhten
Regelungsbedarf mit sich, das ist logisch aber das ist
doch kein Grund zur Beunruhigung! Wissenschaft und Technik
eröffnen uns ja auch immer schneller immer mehr neue
Optionen, um die Probleme dort zu lösen, wo sie entstehen.
Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Forschung schnell
genug vorangetrieben und die nötigen innovativen Durchbrüche
unverzüglich in die Wege geleitet werden und zwar
weil wir nun mal im Zeitalter der Globalisierung angekommen sind
in global
vereinheitlichter Zusammenarbeit. Im Prinzip ist alles so,
wie es immer gewesen ist: Der Fortschritt geht weiter, nur eben
etwas schneller und globaler, und die
Verunsicherungen, die der Fortschritt bei den Konservativen oder
Ängstlichen schon immer hervorgerufen hat, sollten wir nicht
gleich zur Untergangsstimmung hochstilisieren! Das hieße
doch: den Untergang herbeireden!
Über die Fortschrittsgläubigkeit dieser Art werden wir
diskutieren müssen, insbesondere, wenn wir sie nicht teilen
können.
Der innere
Notstand
Die Herausforderung, vor der wir
stehen, ist in der Tat neu und überwältigend.
Wir das sind die
Menschen, die heute leben. Und die Herausforderung
das ist die Kurskorrektur des Fortschritts, die wir
gemeinsam zuwege bringen müssen, regional, national und
global, wenn wir zukunftsfähig bleiben wollen
eine Aufgabe, die zu bewältigen vielen Menschen schier
unmöglich erscheint. Eine fatalistische Stimmung droht sich
tief in unseren Gemütern auszubreiten und sich dann auch
noch als nüchterner Realismus auszugeben: In
dieser Welt voller Uneinigkeit und Aggressivität auf einen
Konsens zu hoffen ist doch völlig realitätsfern! Was
können wir denn schon tun? Was kann der Einzelne schon
ausrichten?
Nichts! wird diese resignative Art von Realismus auf die
bangen Fragen antworten und dabei das brodelnde Leben der
Wirklichkeit und die ungeheuere Vielfalt an
Möglichkeiten, die in ihr liegen, unterschlagen. Angst,
Aggression und Depression sind die Folgen.
Wer dem
gegenüber der Meinung ist, dass die Zukunft noch nicht
unverrückbar feststeht, wird versuchen, auf eine mehr
konstruktive Art realistisch zu sein, ohne die Augen zu
verschließen vor den bedrohlichen Realitäten und der
um sich greifenden Verdrossenheit oder Verzagtheit. Wer an seine
Kinder denkt, wird auf Zuversicht und Entschlossenheit
setzen. In einer Solidargemeinschaft gibt es übrigens
niemanden, der keine Kinder hat, denn alle Kinder
sind unsere Kinder.
Ein
konstruktiver Diskurs
sollte die Ausgangsbasis
der politischen Meinungsbildung sein, und einem solchen Diskurs
soll unser kleines, örtliches Forum dienen. Zu den
Aktivitäten, die in dieser kritischen Zeit besonders
notwendig werden, gehören auch die geistigen. Die
Krise hängt ganz wesentlich mit dem vorherrschenden Weltbild
und mit unserem Wirklichkeitsverständnis zusammen. Wir
müssen einige Rahmenbedingungen und Realitäten auf dem
Boden dieser Erde neu verstehen lernen, wenn wir uns eine
menschenfreundliche Perspektive offenhalten wollen.
Wahrscheinlich ist jede und jeder von uns mit diesem Umdenken
beschäftigt, und es wurde auch auf diesem Gebiet schon ein
beachtlicher Fortschritt erzielt. Reden wir darüber! Helfen
wir uns gegenseitig, unsere Anschauungen zu sichten, zu
hinterfragen und neu zu ordnen. Das neue Verstehen eröffnet
neue Orientierungsmöglichkeiten, es stärkt die
Motivation für aufbauende Aktivitäten durch eine
neue Art der Zuversicht und Entschlossenheit, und es ermöglicht
eine neue Begeisterung für die wunderbare, komplexe
Schönheit der Schöpfung.
Ernst
Weeber
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