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FORUM FÜR EINE KONSTRUKTIVE POLITISCHE MEINUNGSBILDUNG IM ZEITALTER DER GLOBALEN KRISE

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Oktober 2005
Für eine bessere Weltinnenpolitik

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Literaturhinweise


Man muss heute kein ausgesprochener Kulturpessimist mehr sein um bei dem Gedanken an die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen, in eine ausgesprochen sorgenvolle Stimmung zu geraten. Der Fortschritt der menschlichen Vernunft und Technik, der uns doch immer mehr Naturbeherrschung, Freiheit und Wohlstand bringen sollte, hat, wie es scheint, zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen: Die gesellschaftlichen und ökologischen Probleme im eigenen Land und in der ganzen Welt werden offensichtlich nicht weniger, sondern immer mehr, und sie betreffen nicht mehr nur einzelne Regionen oder Nationen, sondern immer deutlicher die Menschheit als ganze. An ökologischen Problemen wie dem drohenden Klimawandel wird deutlich, dass unsere Art und Weise, den Planeten zu bewohnen, nicht nachhaltig ist. Auch der mörderische Ausscheidungskampf, der die globale Menschengesellschaft beherrscht, wirkt überwiegend zerstörerisch. Eine Revision unserer Fortschrittsideen und unserer bisherigen Weltinnenpolitik ist dringend geboten. Diese Revision sollten wir nicht den Experten der alten Schule überlassen. Es gilt, einen konstruktiven Diskurs anzuzetteln wo immer dies möglich ist. Einem solchen Diskurs soll auch unser kleines, örtliches aber weltoffenes Forum dienen.

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Daran zweifelt wohl kaum noch jemand. Die Frage Wie soll das alles weitergehen? drängt sich immer penetranter auf. Häufig geht diese Frage, gemünzt auf die politischen, ökonomischen und sozialen Probleme des eigenen Landes, mit Bitterkeit und Zynismus einher, denn die Kassen der Solidargemeinschaft sind leer, während sich auf einzelnen Konten Vermögen von geradezu unanständiger Höhe ansammeln. Der dringende Verdacht, dass die Chancen für ein gutes Leben in unserem Gemeinwesen doch nicht gleich verteilt sind, erhärtet sich zunehmend. Die laute Mahnung bestimmter Interessenvertreter, dass wir jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt hätten und unsere Gürtel nun wieder enger schnallen müssten, klingen, je nach Sichtweise, immer einleuchtender oder immer dreister. Eine „Kapitalismusdebatte“ ist neu in Gang gekommen, denn die nationalen und ebenso die internationalen Probleme scheinen im wesentlichen von ökonomischer Machart zu sein. Der gesellschaftliche Friede ist im eigenen Land und weltweit durch wirtschaftliche Verteilungsprobleme bedroht. Wir dürfen darüber aber nicht vergessen, dass es inzwischen um weit mehr geht: um den Frieden zwischen der Menschheit und der Natur.

Eine „einmalige“ Krise

So möchte man sie nennen, denn eine solche Krise hat es nicht gegeben, seit es Menschen gibt, und sie wird (wahrscheinlich) keinen zweiten Versuch zulassen, wenn sie nicht „auf Anhieb“ gemeistert oder zumindest entschärft werden kann. Wir werden immer mehr, die Welt wird immer enger, die Ressourcen werden immer knapper, die Entsorgung unserer Abfälle wird immer schwieriger, die Verteilung der Lebensgrundlagen immer ungleicher, die weltweite Konkurrenz um die Märkte immer härter, die Aggressionsbereitschaft immer höher; alle paar Sekunden stirbt ein Mensch durch Verhungern, und jeden Tag sterben mehrere Arten von Lebewesen aus; dabei holzen wir unsere großen Wälder, den ganzen Tropengürtel, die grüne Lunge der Erde, ab, verbrauchen wir unsere fruchtbaren Böden, die wir versauert und versalzen der Erosion preisgeben, verseuchen wir unsere Gewässer, sogar die Ozeane, mit giftigen Absonderungen; wir verpuffen die in Jahrmillionen fossil gespeicherte Sonnenenergie in wenigen Menschenaltern in Form von Kohlendioxid und einer Menge anderer Ausdünstungen in die Erdatmosphäre, stören damit den Wärmehaushalt unserer Lufthülle, bringen das Erdklima in Aufruhr und durchlöchern den atmosphärischen Schutzschild, der uns vor der lebensfeindlichen kosmischen Strahlung bewahrt.

Wir haben es nicht mehr nur mit einzelnen, voneinander getrennten Krisenherden zu tun, die da und dort vor sich hin schwelen und auch dann, wenn sie am Ende nur einen Haufen Asche und Schlacke hinterlassen, allmählich von der Umgebung her wieder mit frischem Gras überwachsen werden. Die zahlreichen kritischen Entwicklungen zeigen sich nun als Syndrom, als miteinander zusammenhängende Symptome einer globalen Krankheit, so, als wäre der ganze Erdorganismus von virulenten Krankheitserregern befallen, und diese Krankheitserreger sind – wir. Und wir müssen befürchten, dass die Schäden, die wir dem Erdorganismus zufügen, dessen Regenerationskräfte überfordern oder zumindest so stark herausfordern, dass die Lage für uns, die Menschen, höchst ungemütlich wird.

Im Prinzip nichts Neues?

Wer das „Jucken“ noch nicht am eigenen Leib spürt wird dieses „Krisengerede“ für übertrieben halten und sich vielleicht folgendermaßen äußern: „Gewiss, der rasante Fortschritt bringt einen erhöhten Regelungsbedarf mit sich, das ist logisch – aber das ist doch kein Grund zur Beunruhigung! Wissenschaft und Technik eröffnen uns ja auch immer schneller immer mehr neue Optionen, um die Probleme dort zu lösen, wo sie entstehen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Forschung schnell genug vorangetrieben und die nötigen innovativen Durchbrüche unverzüglich in die Wege geleitet werden und zwar weil wir nun mal im Zeitalter der Globalisierung angekommen sind in global vereinheitlichter Zusammenarbeit. Im Prinzip ist alles so, wie es immer gewesen ist: Der Fortschritt geht weiter, nur eben etwas schneller und globaler, und die Verunsicherungen, die der Fortschritt bei den Konservativen oder Ängstlichen schon immer hervorgerufen hat, sollten wir nicht gleich zur Untergangsstimmung hochstilisieren! Das hieße doch: den Untergang herbeireden!“ Über die Fortschrittsgläubigkeit dieser Art werden wir diskutieren müssen, insbesondere, wenn wir sie nicht teilen können.

Der innere Notstand

Die Herausforderung, vor der wir stehen, ist in der Tat neu und überwältigend. Wir das sind die Menschen, die heute leben. Und die Herausforderung das ist die Kurskorrektur des Fortschritts, die wir gemeinsam zuwege bringen müssen, regional, national und global, wenn wir zukunftsfähig bleiben wollen eine Aufgabe, die zu bewältigen vielen Menschen schier unmöglich erscheint. Eine fatalistische Stimmung droht sich tief in unseren Gemütern auszubreiten und sich dann auch noch als „nüchterner Realismus“ auszugeben: In dieser Welt voller Uneinigkeit und Aggressivität auf einen Konsens zu hoffen ist doch völlig realitätsfern! Was können wir denn schon tun? Was kann der Einzelne schon ausrichten? Nichts! wird diese resignative Art von Realismus auf die bangen Fragen antworten und dabei das brodelnde Leben der Wirklichkeit und die „ungeheuere“ Vielfalt an Möglichkeiten, die in ihr liegen, unterschlagen. Angst, Aggression und Depression sind die Folgen.

Wer dem gegenüber der Meinung ist, dass die Zukunft noch nicht unverrückbar feststeht, wird versuchen, auf eine mehr konstruktive Art realistisch zu sein, ohne die Augen zu verschließen vor den bedrohlichen Realitäten und der um sich greifenden Verdrossenheit oder Verzagtheit. Wer an seine Kinder denkt, wird auf Zuversicht und Entschlossenheit setzen. In einer Solidargemeinschaft gibt es übrigens niemanden, der keine Kinder hat, denn alle Kinder sind unsere Kinder.

Ein konstruktiver Diskurs

sollte die Ausgangsbasis der politischen Meinungsbildung sein, und einem solchen Diskurs soll unser kleines, örtliches Forum dienen. Zu den Aktivitäten, die in dieser kritischen Zeit besonders notwendig werden, gehören auch die geistigen. Die Krise hängt ganz wesentlich mit dem vorherrschenden Weltbild und mit unserem Wirklichkeitsverständnis zusammen. Wir müssen einige Rahmenbedingungen und Realitäten auf dem Boden dieser Erde neu verstehen lernen, wenn wir uns eine menschenfreundliche Perspektive offenhalten wollen. Wahrscheinlich ist jede und jeder von uns mit diesem Umdenken beschäftigt, und es wurde auch auf diesem Gebiet schon ein beachtlicher Fortschritt erzielt. Reden wir darüber! Helfen wir uns gegenseitig, unsere Anschauungen zu sichten, zu hinterfragen und neu zu ordnen. Das neue Verstehen eröffnet neue Orientierungsmöglichkeiten, es stärkt die Motivation für aufbauende Aktivitäten durch eine neue Art der Zuversicht und Entschlossenheit, und es ermöglicht eine neue Begeisterung für die wunderbare, komplexe Schönheit der Schöpfung.

Ernst Weeber