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„Wann
distanziert sich die Umweltbewegung glaubhaft von diesem Mann und
seinen Ideen?“, fragte Sabine Rosenbladt. Ein „furchtbarer
Biologe“ sei er – vergleichbar dem „furchtbaren
Juristen“ Filbinger und dem „furchtbaren
Journalisten“ Werner Höfer.
Vielen furchtbaren
Menschen wurden Denkmäler errichtet. Sie laden zum Denken
ein – nicht zum Abreißen. Sicher muß man sich
in einige Distanz begeben, um sie recht wahrzunehmen, doch allzu
eifriges Sich-Distanzieren führt oft zur Verdrängung
wichtiger Fragen. Wir sollten vielleicht lieber versuchen, uns
einzufühlen in die furchtbaren Menschen; versuchen, ihrem
entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund nachzuspüren –
in der Geistesgeschichte wie auch in der individuellen
Lebensgeschichte. Wenn wir die falschen, bösen Gedanken
allein lassen, wuchern sie womöglich weiter. Gehen wir ihnen
nach, sind sie hoffentlich zu überholen.
Konrad
Lorenz hat sich nicht selbst auf einen Sockel gestellt. Seine
Eitelkeit entspricht nur etwa dem männlichen Durchschnitt.
Er nimmt auch seine Schwächen wahr, und seine
„Scheißberühmtheit“ war ihm zuweilen eher
peinlich. Er empfindet sich selbst nicht als übergroßen
Wissenschaftler, und erst recht nicht als „großen
Philosophen“. Dazu möchten ihn nur jene stilisieren,
die auf ein paar fest eingerammten Stützen ein
unumstößliches Weltbild montieren wollen, um den
Weitersuchenden den offenen Blick zu verstellen.
Er selbst
hat bei aller Sturheit stets auch Offenheit besessen. Die frühe
Fixerung auf eine „biologistische“ Betrachtungsweise
führte ihn nicht in totale wissenschaftliche Verengung.
Viele der heute führenden Biologen werfen ihm deshalb vor,
er habe sich zu sehr auf seine ganz private Intuition gestützt
und damit die Wissenschaft verlassen. In der Tat ist sehr vieles,
was er in der Wissenschaft gefunden zu haben glaubt und
wiederzugeben versucht hat, wissenschaftlich angreifbar, oder
jedenfalls ergänzungsbedürftig, manches auch leicht
widerlegbar. Wer nur die einfürallemal gesicherten,
möglichst auch nach mathematisierten Formulierungen zur
Wissenschaft zählen will, der möge also Konrad Lorenz
ruhig aus deren Reich ausschließen. Das bedeutet keine
Erniedrigung. Es liegt nur daran, daß fast alles
wesentliche am höheren Leben, eben seine hohe Komplexität,
der Wissenschaft kaum zugänglich ist. Jene Fragen, die
einfach genug sind, um einfache reproduzierbare Antworten zu
erlauben, also die „wahren wissenschaftlichen
Fragestellungen“ sind definitionsgemäß relativ
simpel.
Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht auch
beim Versuch, die Intuition, also die eigene seelische
Komplexität, zu tieferem Eindringen ins Wesen des Lebendigen
einzusetzen, simpler Unfug herauskommen könnte – sogar
mit katastrophalen Folgen. Eben dies wird ja Konrad Lorenz
ebenfalls zurecht vorgeworfen. Wo man die eigene Phantasie
einbringt, ergeben sich unumgänglich gelegentlich
Analogieschlüsse und Vergleiche, die anderen allzu subjektiv
gefärbt oder gar an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Da
aber der Leser sogleich merkt, daß es sich dann nicht um
„exakte Wissenschaft“ handelt, wird nicht mehr
Schaden angerichtet, als durch ein schiefes Bild in einem
Gedicht.
Unerträglich wird es erst, wo völlig
unreflektiert die perversesten politischen und sozialen
Vorurteile seiner Zeit mit angeblich wissenschaftlichen
Einsichten zu einem widerlichen Brei vermengt werden. Gert
Heidenreich hätte das „mir wird schlecht“ auch
noch deutlicher aussprechen dürfen: Zum Kotzen. Die vielen
furchtbaren Zitate, die geradewegs aus dem
nationalsozialistischen Amt für Rasseforschung stammen
könnten, brachten auch mich einmal in die Versuchung, das
Kapitel Lorenz einfach zuzuklappen und unter dem sogenannten
Bösen abzulegen, das für mich allerdings viele
Berührungspunkte mit dem sogenannten Dummen hat.
Ja,
Auschwitz hat er nicht gewollt, als er den „rassischen
Gedanken als Grundlage unserer Staatsform“ pries –
das wird ihm jeder glauben. Aber was hat er gewollt, als
er solche Sätze schrieb? Rechtfertigen sie nicht das
deutsche „Euthanasieprogramm“ für das
„lebenswerte Leben“ und die Ausrottung aller vom
„gesunden Volksempfinden“ erkannten
„Schädlinge“?
Kann man als Entschuldigung
akzeptieren, daß damals nicht, wie heute, die
Menschenrechte in Mode waren, sondern die „höheren“
Ideen von Volk und Rasse? Ja, ja, die Zeitbedingtheit. Hat nicht
Plato in seiner Politeia die kambodschanischen Greuel des
Pol Pot vorbereiten helfen – und gilt er nicht dennoch oft
großer Denker? Und verachten wir etwa Sokrates, weil er
nicht versuchte, einen Sklavenaufstand zu organisieren? Wir
dürfen es uns nicht zu leicht machen: Was jemandem die
höchsten Werte sind, hängt selbstverständlich von
der Erziehung und Umwelt ab. Mancher, der sich hierzulande vor 50
Jahren für einen „ethischen Menschen“ hielt,
konnte offenbar der Vertilgung von „Minderwertigen“
recht gefühllos zusehen oder beide Augen zudrücken; und
das verbrecherische an solcher „Schädlingsbekämpfung“
mag ihm erst in den Sinn gekommen sein, als auch die Nützlinge
und die ganze Natur unter ihr zu leiden begannen. Sollen wir‘s
also alles der frühen Prägung der „Braungans“
zuschreiben? (So nannte ihn die böse Jutta –
schließlich wuchs er ja am Rande des gleichen Sumpfes auf,
dem auch Hitler entstammte.)
Sicherlich – die
meisten, die in der vorliegenden Diskussion ihren berechtigten
Abscheu über die angepaßten Schreibereien des Konrad
Lorenz äußerten – und die ja fast alle so recht
haben! – gehören zu einer Art moralischer Elite: Sie
stehen heute im Widerstand gegen die aktuelleren Beiträge
zur Umweltzerstörung. Sie mögen also subjektiv recht
haben, wenn sie sich selbst für „ethischer“
halten als den jungen Doktor Lorenz. Für eine ethische
Bewertung unter Einschluß psychologischer Gesichtspunkte
müßte man allerdings bedenken, daß der
Anpassungsdruck damals noch stärker war als heute, und daß
einem auch mehr als eine Professur entgehen konnte, wenn
man aus dem Gleichschritt ausscherte. Der Drang, zur
gesellschaftlichen Diskussion etwas anderes beizutragen als
Schweigen oder den eigenen Märtyrertod, verführte ja
fast alle Ehrgeizigen zu den schrecklichsten Verrenkungen des
eigenen Denkens und Gewissens.
Der Selbstbetrug beginnt
meist nicht mit krassen Lügen, sondern mit
Gewichtsverschiebungen zwischen den vielen verschiedenen
Wahrheiten. Das ist es ja eben: Selbst an dem bösartigen
Geschwätz der „Rassenhygieniker“ und Pfleger der
„Volksgesundheit“ war natürlich etwas Wahres
dran – wie ja z.B. auch heute an den Verlautbarungen der
Wirtschafts- und Energiepolitiker oder an den Schilderungen und
guten Absichten größenwahnsinniger Gentechniker und
anderer Weltverbesserer etwas Wahres dran ist. Die Lüge
entsteht erst dadurch, daß man wesentlichere andere
Teilwahrheiten wegläßt und auf die Verfolgung der
vielen komplexen Zusammenhänge bei der Einbettung ins Ganze
verzichtet.
Welche Teilwahrheiten beherrschten wohl damals
den Verhaltensforscher Konrad Lorenz? Die Konzentration auf sein
Spezialgebiet hatte ihn in eine Falle geführt, in die auch
heute wieder viele zu tappen beginnen (was in der Diskussion über
die Gentechnik zunehmend eine Rolle spielen wird): Es gibt ja so
offensichtlich bessere und schlechtere Individuen. An jedem
Stammtisch weiß man das – am rechten und am linken.
Der evolutionäre Fortschritt beruhte stets darauf, daß
die Vermehrung der „Schlechteren“ gegenüber der
der „Besseren“ irgendwie erschwert war. Dazu trugen
auch „innerartliche“ Selektionskriterien bei, also
durch biologische Evolution entwickelte, genetisch fixierte
Verhaltensweisen, die der „Ausmerzung von Schwächlingen
und Schädlingen“ dienten. Das ist natürlich
unbestreitbar, wenn auch unklar bleibt, welches Gewicht
demgegenüber beim Menschen die „traditionellen“
Verhaltensweisen hatten, die nicht genetisch, sondern durch
Lernen fixiert wurden, die aber teilweise sogar noch grausamer
waren und sind.
Solche Verhaltensmechanismen erschienen
Lorenz als so komplex, daß er meinte, sie seien angesichts
unseres „niedrigen Kenntnisstandes“ jedenfalls „nicht
durch Verstandesleistungen zu ersetzen, geschweige denn zu
übertreffen“ (vgl. die Zitate bei Jost Herbig). War
das nicht lobenswerte Bescheidenheit? Führt solches Denken
nicht direkt zur Ehrfurcht gegenüber allem allmählich
Entwickelten, das wir nicht durch eilige „Verstandesleistungen“
zerstören dürfen? Ist es nicht dieselbe Einsicht, die
ihn einige Jahrzehnte später gegen den rasenden technischen
Umbau der Welt aufstehen und zu einem der ersten Wortführer
des Naturschutzes werden läßt? Und ist nicht genau
dies für viele von uns das wesentliche Argument gegen die
nun über uns hereinbrechenden Weltverbesserungsversuche der
Gentechniker?
1940 aber folgte daraus für Lorenz das
Vertrauen, daß „ein guter Mensch in seinem dunklen
Drange sehr wohl merkt, ob ein anderer ein Schuft ist oder
nicht“. So etwas damals zu schreiben, ohne sich und dem
Leser klar zu machen, daß offenbar fast der ganze „gesunde
Volkskörper“ aus Schuften bestehen kann, die sich
einen der schlimmsten Schufte zum Führer wählen –
ist das nicht gar zu wenig an Verstandesleistung – zumal
für einen Verhaltensforscher? Konrad Lorenz definiert die
Dummheit als „Überschätzung der eigenen
Urteilsfähigkeit“. Wieder diese sympathische
Bescheidenheit? Aber auch die Unter-schätzung der
eigenen Urteilsfähigkeit gegenüber dem dunklen Drange
einer Mehrheit kann offenbar dumm sein. Bescheidenheit kann in
Resignation, ja in Feigheit ausarten, bis man dem
Stammtischgeschwätz mehr glaubt als dem eigenen Gewissen –
weil die Stammtischbrüder doch so gesund sind – und so
viele – und alle durch ganz natürliche
Evolutionsprozesse entstanden.
Gibt es einen Ausweg aus
dem Dilemma zwischen Feigheit und Anmaßung? Es lohnt sich,
der Frage nachzugehen, denn diese als wissenschaftliche
Bescheidenheit getarnte Feigheit stellt auch heute die größte
Gefahr für Mensch und Natur dar. Die „Wertfreiheit“
des Wissenschaftlers überläßt die Werturteile den
„Mehrheitsverhältnissen“. Irgendwie steht die
als Darwinismus deklarierte Idee dahinter, was dabei herauskomme,
sei eben das Bessere gewesen – wenn es auch wiederum von
noch Besserem verdrängt werden wird. Die
Verstandesleistungen des Wissenschaftlers sollen zwar der
Befriedigung der Bedürfnisse dienen, keinesfalls aber deren
Bewertung. (So wagen es z.B. Ökonomieprofessoren noch immer,
sämtliche Wirtschaftsleistungen ihrem Geldwert noch zum
Bruttosozielprodukt aufzuaddieren und die Summe als Maß für
die „Wertschöpfung“ anzubieten – so daß
auch noch die zerstörerischste Aktivität „Wachstum“
produzieren kann.)
Diesem schwachsinnigen Verhalten auch
der Wissenschaftler kann man aber nicht mehr beikommen, indem man
ihren „Neodarwinismus“ oder „Biologismus“
abweist und (wie Freimut Duve) betont, daß der Mensch ja
schließlich denken könne – im Gegensatz
zu den Graugänsen und Feldmäusen. Erschwert nicht das
Denken alles noch mehr? Zeigt es uns nicht, daß der
Darwinismus nun alle Wissenschaften durchdringt – und
obendrein zu Recht? Kaum jemand zweifelt doch hier noch, daß
sein Prinzip die Entstehung des Systems alles Lebendigen, auch
über die biologischen Prozesse hinaus, richtig beschreibt –
bis hin zur Entwicklung menschlicher Gedenken und Kulturen. Auch
hier sind vorübergebende Fehlentwicklungen unvermeidbar.
Machen wir doch nicht so viel Aufhebens davon. Distanzieren wir
uns von den Irrtümern, und weiter geht‘s .... voran!
Sehen wir denn nicht immer deutlicher, daß auch die
seelisch-geistigen Vorgänge einem verallgemeinerten
Darwinschen Prinzip unterliegen? Alle Wertschöpfung in der
Welt, von der einen einfachsten Gestalt des Urknalls bis
zur Vielfalt in uns selbst und um uns herum geschieht doch
offenbar durch Selbstorganisation nach diesem Prinzip.
Auch auf dem freien Markt der Gedanken setzt sich eben das durch,
was wir deshalb nachher das Bessere nennen dürfen. Wo soll
der Wissenschaftler da die Ethik einführen?
Auch das
Denken und Empfinden des einzelnen ist ein solcher
Evolutionsprozeß. Irrtum ist notwendig. Nur durch Versuch
und Irrtum wird Besseres gefunden. All das, was einer auf seinem
Lebensweg bewußt und unbewußt erfährt, wird in
unendlichen Versuchen, mit kleinen punktuellen Mutationen,
Reproduktionsfehlern, und in immer neuen Kombinationen hin- und
herbewegt, bis plötzlich eine Gestalt sich abzeichnet, eine
Idee wahrgenommen wird, die in diesem Augenblick ein bißchen
erfolgreicher erscheint als ihre Konkurrenten im Pool aller Denk-
und Fühlgestalten, aus dem sie hervorging. Welcher
Selektionsmechanismus entscheidet darüber, ob sie ins
Bewußtsein gelangt, sich in Worten ausdrücken darf, in
den gemeinsamen Pool alles Gedachten Eingang finden kann,
kulturelle Wirkung oder gar langdauernden Bestand haben wird?
Oder ob sie schnell ausgemerzt wird und Besserem Platz macht –
schon im eigenen Weiterdenken, oder erst in der Wechselwirkung
mit dem Denken anderer, im noch umfassenderen gesellschaftlichen
Evolutionsprozeß?
Einen der hier stattfindenden
Selektionsprozesse nennen wir „das Wollen“. Die
indoeuropäischen Sprachwurzeln „Wollen“ und
„Wählen“ stimmen überein. Und steckt nicht
hinter beidem das Bild des Hin- und Herdrehens, Hin- und
Herwälzens, das auch in der Welle und im lateinischen
voluere steckt, von dem sich der Begriff „Evolution“
ableitet?
Wenn man weit genug zu den Wurzeln
hinuntersteigt, stößt man stets auf Tautologien. Man
mag es drehen und wälzen wie man will: Alles kommt aus dem
Wählerwillen. Es ist kein übergeordneter Wille da, der
nach eigenen Züchtervorstellungen die Entwicklung der
Ideengestalten steuern würde. Das spielerische Erproben von
Chancen und Risiken, das Abtasten der jeweiligen Nachbarschaft im
Raum der Möglichkeiten, geschieht ja im wesentlichen nicht
mehr in der Sprache des genetischen Codes, also durch zufällige
Mutation, Neukombination von Nukleinsäuremolekülen und
generationenlanges Erproben der zugehörigen lebendigen
Erscheinungen in ihrer Wechselwirkung mit allen anderen. Nein,
jetzt wird der Fortschritt viel schneller in einer noch höheren
Sprache gesucht: In der des Menschen – neuerdings aber vor
allem in der Sprache der Wissenschaft. Die Erprobung geschieht
durch Verwirklichung konkurrierender technischer,
wirtschaftlicher, und gesellschaftlicher Strukturen. Die neue
Sprache und die zugehörige neue Front im Raum der
Möglichkeiten sind selbst zunächst durch die
gemächliche biologische Evolution, dann durch die schon viel
schnellere kulturelle, und schließlich durch die sich
überschlagende technisch-wirtschaftliche Entwicklung
entstanden. Wo sollte da Raum sein für Freiheit und
Verantwortung? Woran sollte da ein armer skeptischer
Wissenschaftler erkennen, was er wählen soll, wollen soll?
Und gar, wenn fast alle ringsum ein und dasselbe wählen –
etwa den Führer, oder den rasenden Fortschritt?
Sollen
wir ihn verurteilen? Oder können wir auf Lernfähigkeit
und Resozialisierung setzen? Nur: Woher nehmen eigentlich wir
Richter unsere Maßstäbe?
Immerhin, Konrad
Lorenz hat doch eine eindrucksvolle Entwicklung erkennen lassen!
Warum war er auf einmal nicht mehr Mitläufer, sondern
gesellte sich zu den wenigen, die früh erkannten, daß
der Fortschritt heute bergab führt? Er erfaßte dank
seiner Beobachtung des Lebendigen intuitiv wesentliche Ursachen
dieses Niedergangs, der nun in weltweite ökologische
Katastrophen zu münden droht. Und Quelle der Einsicht war im
Grunde die alte Bescheidenheit, die sich uns zuvor als Feigheit
zu manifestieren schien. Auch begabte Menschen haben nicht viel
mehr als einen wichtigen Gedenken im Leben, und die
Wichtigkeit zeigt sich darin, daß er ein Leben lang immer
wieder in anderen Zusammenhängen auftaucht und Folgen hat.
In der zweiten Lebenshälfte führte die Bescheidenheit
zur Wut über die Unbescheidenen, die daran arbeiten, die
Voraussetzungen jeder weiteren Evolution zu zerstören. Die
Trauer über das nun schon stündliche Aussterben so
vieler wundervoller Arten, die für ihr Entstehen
Jahrmillionen brauchten, – die immer raschere Vermarktung
und Verwüstung der Kulturlandschaft, die er als Jüngling
lieben gelernt hatte, – und wohl auch die Einsicht in die
Katastrophe der eigenen Anpassung an die schrecklichsten
Verwüster unserer Geschichte, – all das ließ ihn
ahnen: Vorbedingung jeder weiteren Wertschöpfung ist die
Wahrung der biologischen und kulturellen Vielfalt und die
Einhaltung eines Zeitmaßes, das es erlaubt, zwischen dem
Besseren und dem Schlechteren zu unterscheiden – also erst
dann zu wählen, zu wollen, wenn klar ist, daß sehr
wahrscheinlich das Bessere gewählt wird. Die noch immer von
den Anführern propagierten Kennzeichen angeblichen
Fortschritts – Vereinheitlichung und immer raschere
Innovation – sind in Wahrheit Anzeichen der Zerstörung
der Vorbedingungen alles weiteren Fortschritts. Konrad Lorenz war
und ist daran beteiligt, solche Einsichten in das Wesen dieser
Krise der Evolution zu verbreiten, und dafür dürfen wir
ihm dankbar sein.
Seine Wirkung, selbst wenn sie teilweise
dem „Altersprachtkleid des Pavian-Patriarchen“
zuzuschreiben wäre, hat mitgeholfen, den Gedanken an
Verantwortung zu wecken: Wir müssen offenbar unsere durch
Evolution hervorgebrachte Freiheit nutzen, um die Voraussetzungen
weiterer Evolution wiederherzustellen und dauerhaft, sozusagen
verfassungmäßig, zu sichern. Wir müssen von dem
Irrtum Abschied nehmen, die Werte der Welt hingen an ihren
Grundgesetzen, und da wir diese nun kennten, könnten wir
gleich alles noch besser machen. Das Anschauen des Lebendigen hat
auch den Naturwissenschaftlern wieder gezeigt, daß die
Werte nicht in den simplen Grundgesetzen liegen, sondern in der
fast unendlichen Komplexität, die sich nach den ebenfalls
simplen Regeln der Evolution darauf entwickeln konnten. Daraus
folgt die Bescheidenheit – und damit verliert die für
viele so drängende Frage, ob es uns irgendwie gelingen
könnte, „Ethik“ ins wissenschaftliche Weltbild
hineinzubringen, schon viel von ihrer Dringlichkeit.
In
einer komplexen Persönlichkeit sind auch das sogenannte Gute
und das sogenannte Böse engstens miteinander verflochten.
Sollen wir uns überhaupt bemühen, sie zu trennen? Die
atemberaubenden Rückfälle, die Konrad Lorenz in seinem
natur-Interview erlitt, sind peinlich, ja teilweise
erschütternd, und dürfen deshalb nicht verschwiegen
werden. Aber ein Grund für Haßgefühle sollte das
nicht sein. Wer hat sich nicht schon einmal über den eigenen
Vater oder Großvater geärgert, oder sich sogar seiner
geschämt, wenn dieser mit zunehmendem Alter immer mehr in
Denkweisen und Redensarten seiner Kindheit und Jugend zurückfiel,
die eigentlich schon überwunden waren?
Daß
Lorenz dem jungen Mann als Mittel gegen die Hoffnungslosigkeit
empfiehlt, mit einem schönen Mädchen auf eine Bergtour
zu gehen, müssen wir ihm nicht übel nehmen, liebe
Freda! Das hat nichts mit Frauenverachtung zu tun. So hat er
selbst Schönheit und Hoffnung erlebt. Ich auch! Und ich
glaube, selbst die Graugänse waren ihm nicht nur
„Stimulans“, sondern er hat sie geliebt.
Auch
daß er fürchtet, erst große Katastrophen könnten
die notwendigen Einsichten genügend weit verbreiten, möchte
ich ihm nicht vorwerfen. Das ist leider nicht so unrealistisch,
und die böse Erwartung bedeutet ja nicht böse Hoffnung
– selbst wenn sich das zynische Wort von der „Sympathie
für AIDS“ einschleicht.
Erschütternd aber
ist, daß ihm der Unterschied zwischen den „ethischen
Menschen“ und den „Gangstern“ wieder vorwiegend
biologisch fundiert erscheint und ihm womöglich noch immer
den Gedanken an „eugenische Maßnahmen“
nahelegt. Natürlich wird, wenn es überhaupt noch
gelingt, zu den Bedingungen des Fortschritts zurückzufinden,
langfristig auch über die biologische Zukunft der
menschlichen Art nachzudenken sein. Aber wer dem schon heute
Priorität einräumt, der wird das eilige Herumpfuschen
an den Wurzeln des Lebens beschleunigen und eben dadurch zur
Abschaffung der Zukunft beitragen.
Also, distanzieren wir
uns! Dann mildert sich die Schärfe dieser dummen, bösen
Details an Deinem Denkmal, Bruder Konrad, und das Ganze
verschwimmt zu mehr Deutlichkeit: Der alte Mann und die Gans –
Bescheidenheit, Ehrfurcht und Liebe vor dem Geheimnis des Lebens.
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