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Peter
Kafka war ein Visionär im besten Sinne – er schaute
leidenschaftlich und zugleich mit sehr viel Abstand auf das, was
die Menschheit treibt und wovon sie getrieben wird. Als
Astrophysiker hatte er eine weite Schau auf das Leben und
betrachtete die Evolution und ihre Kreationen mit einem
liebevollen Blick. Den Menschen sah er darin als
bewusstseinsbegabtes suchendes Wesen, das den Auftrag des
Bewusstseins allerdings erst noch richtig verstehen muss! Deshalb
ermunterte Kafka stets dazu, die elementaren „Kinderfragen“
zu stellen, die letztendlich dann wieder die eigentlich großen
Fragen sind: Wo soll es hingehen? Wo ist unser Platz in der
Evolution und wie können wir ihn als Spezies und als
Individuum würdig einnehmen?
Seine Kindheit und
Jugend erlebte Peter Kafka in Berlin und bei seinem Großvater,
einem jüdischen, zum Katholizismus konvertierten
Rechtsanwalt im Sudetenland. Während mehrere
Familienangehörige in Konzentrationslagern umkamen,
überlebte der Großvater den Holocaust und sorgte
dafür, dass Peter Kafka nach Stationen in Prag und Karlsbad
zu Verwandten in die Oberpfalz kam. Nach dem Abitur fiel es ihm
nicht leicht, sich für ein Studienfach zu entscheiden. Er
wollte mit dem Leichtesten anfangen und entschied sich für
die theoretische Physik, um erst einmal „die einfachen
Dinge zu verstehen“.
Mitte der 1960er Jahre wurde
Kafka wissenschaftlicher Mitarbeiter am damals von Werner
Heisenberg geleiteten Max-Planck-Institut für Physik und
Astrophysik in Garching bei München. Dort gehörte er in
den 70er Jahren zu den wissenschaftlichen Dissidenten der
Kernenergie. 1982 erschienen im Piper Verlag die „Streitbriefe
über Kernenergie“ – ein Briefwechsel zwischen
ihm als Kernkraftgegner und Heinz Maier-Leibnitz, dem damaligen
Leiter des Deutschen Forschungszentrums, der die Kernenergie
befürwortete. Gemeinsam mit Hans-Peter Dürr, Carl Amery
und anderen prägte Kafka die Friedens- und Ökologiebewegung
in München. Bis 1989 stand er beim Max-Planck-Institut
inmitten des Wissenschaftsbetriebs und blieb dennoch auch immer
mit einem Bein als kritischer Beobachter außen vor. Das
„vom-Rand-aus-Beobachten“ – mal scharfzüngig,
mal mit mildem Lächeln – war seine Lieblingsposition.
Kafka gehörte zu den wenigen Wissenschaftlern, die
öffentlichen Mut zeigten und streitbare Positionen bezogen:
„Die Sonne reicht! Es gibt keine Energiekrise, sondern eine
Krise des menschlichen Verstandes und ein Krise der
Machtinteressen!“
Als ein Naturwissenschaftler
stritt Peter Kafka für eine Selbstbegrenzung im technischen
Fortschritt und für eine bewusste Verlangsamung im Tasten
und Suchen nach größerer Komplexität. Doch das
ist für die heutige Wissenschaft eine Zumutung, die sie weit
von sich weist. Sie hat die Technikgläubigkeit im
ideologischen Gepäck und das anlagesuchende Kapital im
Nacken. So entsteht die brisante Beschleunigungsmanie; sie
konzentriert Kapital in den Händen weniger Konzerne,
Wissenschaft in einseitig ausgerichteten Labors und sie sichert
durch Patent- und Eigentumsrechte ihre Verwertungsinteressen
gegen die soziale und gesundheitliche Gesamtheit. Im Gegensatz
dazu hatte Peter Kafka einen tiefen Respekt vor den Mysterien des
Lebens, seinen Zufällen, seinem System und seinen klugen,
wenn auch kaum verstandenen Methoden.
Seit den späten
1980er Jahren entdeckte Peter Kafka durch Dieter Suhr die
Gelddynamik als politisches Systemproblem und es gelang ihm,
kompliziert erscheinende Zusammenhänge verstehbar und
Perspektiven sichtbar zu machen. Auf ihn geht der Begriff der
„Beschleunigungskrise“ zurück, die den
Kapitalismus – vom Primat der Rendite getrieben – in
Konzentrationsprozesse zwingt, die das Schnelle und Große
bevorzugen und das wuchernde Wirtschafts- und Vermögenswachstum
bewirken. Als Systemtheoretiker sah Kafka vor allem das
fundamentale Schöpfungsprinzip verfehlt, dass Komplexität
und Entwicklung Zeit brauchen, Zeit der Bewährung in
Zusammenhängen. Gentechnischen Pfusch, Kernenergie,
unverantwortliche Mobilfunk-Experimente und größenwahnsinnige
Agrar-Monokulturen sah er als Verhängnis von „Einfalt
in Eile“, ebenso wie den Zusammenbruch kleiner
Gemeinschaften und sozialer Komplexität. Gleichwohl glaubte
Peter Kafka idealistisch an die sozialen Gestaltungskräfte
des Menschen. Er hielt uns für gut genug, das geistige
Abenteuer unserer Spezies zu bestehen und die neuen Freiheiten
des Großhirns dazu zu gebrauchen, den Gang der
Schöpfungsgeschichte mit Bewusstsein zu unterstützen
statt zu stören und durch Innovations- und Größenwahn
so durcheinander zu bringen, dass wir eines Tages von der
Evolution hinausgeworfen werden. Als Therapie gegen die
verhängnisvolle „Einfalt in Eile“ postulierte
Kafka in seinem 1994 im Hanser Verlag erschienenen Buch „Gegen
den Untergang – Schöpfungsprinzip und globale
Beschleunigungskrise“ das Prinzip der „Gemächlichkeit
und Vielfalt“. Er suchte nach dem, was den Menschen
geistig-kulturell voranbringt, und wappnete gegen die
Vorstellung, die Schöpfung und der Mensch seien zu
verbessern, indem man sie manipuliert. Den Menschen hielt er auch
mit allen seinen Schwächen für gut genug, sofern kluge
Strukturen sein überwiegend kooperatives Wesen unterstützen.
In Anlehnung an den Begriff der „strukturellen
Nichtangriffsfähigkeit“ suchte Peter Kafka eine
verfassungsrechtlich geschützte „strukturelle
Nichtausbeutungsfähigkeit“ jenseits moralischer
Gesetze, schlicht als Konsequenz von Einsichten in
systemtheoretische Zusammenhänge. Die Marktwirtschaft müsse
„vom Kapitalismus befreit“ werden. Kafka mochte die
Ideen liberaler Marktfreiheit und kreativer Konkurrenz und suchte
ein System von Arbeit, Eigentum und Geld ohne leistungslose
Einkommen, ohne Wucherungen, ohne aneignende
Zugriffsmöglichkeiten auf die Lebensgrundlagen anderer.
Einen monopolfreien Wettbewerb konnte er sich in natürlichen
Grenzen und geistigen Freiräumen äußerst
attraktiv vorstellen, ja er wünschte sich mehr Wettbewerb an
den wirklich interessanten Fronten des siebten Schöpfungstags:
in der seelisch-geistigen Entwicklung und in der
Selbstorganisation unserer Freiheit: „Natürlich wird
es Konkurrenz geben! Im Bauen noch schönerer Häuser und
Kathedralen, im Finden wirklich kluger Techniken, im sinnvollen
Forschen, im Lieben unserer Kinder, beim Malen und Musizieren“.
Immer wieder gern zitierte Peter Kafka einen Satz von
Angelus Silesius: „Ich bin, ich weiß nicht wer. Ich
komme, ich weiß nicht woher. Ich gehe, ich weiß nicht
wohin. Mich wundert´s, dass ich so fröhlich bin.“
Dieser Satz beschreibt seine ganze Lebenseinstellung und passt
auch zum Ende seines Lebens. Am 23. Dezember 2000 ist Peter Kafka
gestorben. Zehn Wochen hatte er Zeit, sich auf seinen Tod
vorzubereiten. Anfang Oktober war ein bösartiger Gehirntumor
diagnostiziert worden. Am 14. Oktober hielt er daraufhin einen
feierlichen Abschiedsvortrag, nachdem er zuvor noch mehrere Male
mit leidenschaftlich engagierten Reden mitgeholfen hatte, die
politischen Samstagsgebete in München zu etablieren. Doch
bis zu seinem Lebensende versammelte er in seinem Haus der
offenen Tür FreundInnen um sich, und noch am Sterbebett
führte er inspirierende Gespräche über Gott und
die Welt.
Drei Tage vor seinem Tod wurde ihm eine späte
Ehrung durch die Stadt München zuteil, die ihm die
Auszeichnung „München leuchtet“ zuerkannte. Als
ihm die silberne Medaille daheim in seinem Sterbezimmer
überreicht wurde, waren Freunde und Familie versammelt und
erlebten, wie Peter Kafka noch einmal hellwach wurde, selig
lächelte, noch einmal treffende Worte fand, dann jedem die
Hand gab und sich endgültig verabschiedete, während wir
für ihn das Lied „He‘s got the whole world in
his hand“ sangen. Drei Tage später verließ Peter
Kafka diese Welt, im Arm seiner Freundin Kristin Elsen, die ihn
gemeinsam mit seinen Kindern Emely und Benny in den Wochen seines
Sterbens begleitet hatte. Auf seine Todesanzeige ließ er
seinen Ausspruch drucken: „Leisten Sie Widerstand! Schämen
Sie sich nicht, über Dinge mitzureden, die Sie nicht ganz
verstehen! Alles Wesentliche ist nicht verstanden“.
Peter
Kafka hat uns vorgelebt, wie man dem Tod ins Angesicht schauen
kann – keineswegs heroisch, sondern gemütvoll
ergriffen vom Werden und Vergehen, ohne Scheu, sich dabei in
aller Öffentlichkeit zu zeigen. Angst habe er nicht, denn
dazu fühle er sich im Kosmos zu sehr aufgehoben, sagte er in
einem seiner letzten aufgezeichneten Gespräche: „Natürlich
ist da die Trauer, aber das ist etwas anderes, ist nicht
Verzweiflung oder Angst, nichts Negatives oder Zerstörerisches,
sondern daraus wächst an einer anderen Stelle auch wieder
Kraft. Ich hatte schon als Kind nahe am Wasser gebaut, hatte
weinen müssen, wenn ich überraschend schöne Musik
hörte. Es lässt mich nun weinen, wenn ich an meine
Kinder denke und daran, sie nicht mehr erleben zu können.
Aber dieser Schmerz ist mehr biologischer Art und das Weinen ist
schön, gut und gesund, keine Qual. Das Weinen geht nach
einer kleinen Erschöpfung wieder in Fröhlichkeit über,
weil ich mich in dem unausdrückbar Großen und Ganzen
geborgen fühle. Man sieht doch, wie wunderbar geborgen wir
in dieser Welt sind. Angst und Kummer kommen eher angesichts der
globalen Beschleunigungskrise auf“.
In seinen
Büchern und Aufsätzen hinterlässt uns Peter Kafka
einen reichhaltigen Fundus an Gedanken. Unvergesslich wird uns
seine inspirierende Geisteshaltung sein, und im Herzen bewahren
wir seine politische Botschaft von den gesellschaftlichen
Gestaltungskräften des Menschen für einen siebten
Schöpfungstag, an dem wir nicht mehr dem Geld nachjagen,
sondern kulturell schöpferisch werden.
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