Für einen Fortschritt, der dem Leben dient. Chancen für einen wünschenswerten Wandel
Wer kümmert sich eigentlich um das Zeitproblem?
Die „Große Beschleunigung“ des zivilisatorischen Fortschritts der Menschheit wird von vielen immer noch als Erfolgsgeschichte der „Überwindung von Mangelzuständen“ gewertet: Noch nie sei es uns so gut gegangen wie heute. Und noch nie seit Menschengedenken war die Weltlage so kritisch wie heute. Warum? Weil wir Menschen die Welt im Großen zu schnell verändern. Der Fortschritt unserer menschlichen Zivilisation dient nicht mehr dem Leben. Die Lebensfreundlichkeit der Erde hat abgenommen. Ein großes Artensterben ist im Gange. Dieses Artensterben ist eine Folge unseres Fortschritts. Wir Menschen, vor allem die besonders fortgeschrittenen in den reichen Ländern, sind es, die so viele andere Arten verdrängen und die Lebensfreundlichkeit der Erde verringern. Wollen wir das? Was treibt uns an? Was treibt uns um? Können wir auch anders?
Das Anthropozän Aus gutem Grund nennen wir das gegenwärtige Erdzeitalter das Anthropozän, das Zeitalter der Menschen. Es sind die Einflüsse und die Ausflüsse der menschlichen Zivilisation, die nicht nur die Erdatmosphäre und die Ozeane verändern, sondern sich auch schon als geologische Schicht auf der Erdoberfläche absetzen. Man kann darüber streiten, wann und womit dieses Zeitalter begonnen hat; dass es begonnen hat, lässt sich aber nicht mehr bestreiten.
Charakterisiert ist das Anthropozän durch die globale ökologische und soziologische Krise, mit der es einher geht, ausgelöst durch den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit. Diese Krise kann als Raumproblem aufgefasst werden: Unser ökologischer Fußabdruck ist zu groß geworden für diesen Planeten. Wir Menschen haben uns so erfolgreich vermehrt, dass wir nun – zumindest mit unserer jetzigen Lebens- und Wirtschaftsweise – zu viele geworden sind für den Raum, der uns zur Verfügung steht. Wir haben uns die Erde „untertan“ gemacht, aber nun stoßen wir auf unserem Siegeszug an die räumlichen Grenzen unseres Lebensraumes.
Man kann die globale Krise des Anthropozän aber auch als ein Zeitproblem auffassen: Wir Menschen verändern die Welt, in der wir leben, in zu großem Maßstab zu schnell. – Diese Aussage klingt zunächst trivial. Bei genauerer Betrachtung erweist sie sich aber als fundamental.
Nur ein Problem der Alten?
Im Gegensatz zum Raumproblem, das leicht quantifizierbar ist, wird das Zeitproblem vorwiegend als ein psychologisches Problem alter oder überarbeiteter Menschen eingeschätzt. Zur Therapie werden ein besseres „Zeitmanagement“ und effektivere Entspannungsmethoden empfohlen. Die inzwischen häufiger präsentierten Schautafeln zur Großen Beschleunigung, die ein Dutzend Sozioökonomische Trends und ein weiteres Dutzend Trends in Erdsystemen in Form von exponentiell steigende Diagrammkurven zeigen, verursachen zwar einiges Unbehagen beim Betrachten, aber trotzdem wird der Gesamt-Trend, dass wir alles, was wir können, immer noch schneller können, überwiegend als Erfolgsgeschichte bewertet. Außerdem müssen wir ja immer schneller vorankommen, um mit den immer schneller und zahlreicher auftretenden Problemen Schritt halten zu können! Dass das Zeitproblem nicht nur ein individuelles psychologisches, sondern ein systemlogisches von globaler Bedeutung sein könnte, wird kaum diskutiert. Das gebotene systemische Denken hat offenbar den Sprung aus der gelehrten Theorie in die „öffentliche Meinung“ noch nicht geschafft.
Paradigmenwechsel Kurz gesagt geht es um ein Umdenken von einem mechanistischen zu einem organischen Weltbild. Im mechanistischen Weltbild erscheint die belebte Erde als ein Mechanismus, der beherrschbar ist, soweit man seinen Bauplan kennt und versteht; demnach kann man in dieses Wirkungsgefüge gezielt eingreifen, um es je nach den eigenen Interessen zu „verbessern“. Im organischen Weltbild erscheint die belebte Erde als ein Gesamtsystem, in das wir Menschen als individuelle oder gesellschaftliche Subsysteme eingebettet sind. Wegen der Komplexität der Wechselwirkungen gibt es keine Sicherheit über die Auswirkungen unserer Eingriffe. Im Anthropozän verfügt das System „Menschheit“ über genügend Energie, um den Attraktor Gaia zum Kippen zu bringen.
Der Vorschlag, das komplexe Erdsystem (wieder) Gaia zu nennen, stammt von Erdsystemwissenschaftlern. Gaia ist die personifizierte Erde und Große Mutter in der griechischen Mythologie. Die Gaia-Hypothese trägt diesen Namen, weil sie besagt, dass man die Erde insgesamt als einen lebendigen Organismus betrachten könne, also als ein evolvierendes Kreislaufsystem, das sich selbst organisiert und stabilisiert. Diese Personifizierung hilft uns bei der Frage weiter, wie Gaia angemessen zu behandeln sei, wenn doch ihre Komplexität alles so kompliziert macht: Wir sollten sie nicht wie einen Apparat behandeln, den wir beherrschen wollen, sondern viel mehr wie einen lebenden Organismus, den wir gesund erhalten wollen.
Selbstorganisation
Gaias Geschichte, die Evolution des Lebens auf der Erde zu immer höherer Komplexität, erscheint uns so wunderbar, als sei sie das Werk einer übernatürlichen Intelligenz. Erklärbar ist das Wunder aber auch durch die Selbstorganisation des natürlichen Geschehens nach dem tautologischen Prinzip: Wahrscheinlich geschieht das Wahrscheinlichere, oder: Wahrscheinlich überlebt das Überlebensfähigere. In einer Welt voller Energie, in der nichts bleiben kann, wie es ist, sondern alles sich immer weiter entwickeln muss, ist ein Fortschritt „aufwärts“ zu höherer Komplexität wahrscheinlich!
Der Weg zu dieser wunderbar hohen und nachhaltig funktionierenden Komplexität war jedoch kein geradlinig aufwärts führender. Und „nachhaltig“ bedeutet niemals „endgültig“. Zur Geschichte des irdischen Lebens gehören auch Niedergänge und Massenaussterben, die nicht durch einen einschlagenden Asteroiden oder durch verheerenden Vulkanismus bedingt waren, sondern durch inhärente selbstverstärkende Rückkopplungskreise („Teufelskreise“) natürlicher Wechselwirkungen. Die Selbstorganisation allein scheint also kein „Aufwärts“ zu garantieren. Es müssen gewisse Bedingungen gegeben sein, damit der Fortschritt „aufwärts“ führen kann.
Wenn die Selbstorganisation darin besteht, dass sie immerzu mit mehr oder weniger zufällig gefundenen Neuerungen experimentiert und dabei aus der Menge des Neuen das „Bessere“ („Überlebensfähigere) aussucht, hängen ihre Erfolge logischerweise an diesen zwei Bedingungen:
(1) „Vielfalt“ – die Möglichkeiten, die erprobt werden können, müssen zahlreich und vielfältig sein. Fast alles Neue entsteht ja aus einem Schaden oder einer Störung und erweist sich nur selten als „besser“;
(2) „Gemächlichkeit“ – der Auswahlprozess muss genügend Zeit haben, um zahlreiche Möglichkeiten längerfristig zu erproben. Das einzige Kriterium, an dem sich die „Güte“ des Neuen bemisst, ist nämlich die Bewährung. Bewährung braucht jedoch Zeit. Das geht nicht beliebig schnell.
Im Anthropozän werden diese beiden Bedingungen im Großen verletzt: (1) durch die Globalisierung einer verdrängenden „invasiven“ Kultur und (2) durch die fortgesetzte „Große Beschleunigung“. Warum?
Die Falle Das Schöpfungsprinzip der natürlichen Selbstorganisation hat einen Haken: größer oder schneller zu sein als andere bringt meist einen selektiven Vorteil. Damit ist die globale Krise vorprogrammiert: Mit großer Wahrscheinlichkeit entwickelt sich diejenige Spezies zur global dominierenden, die ihr „Revier“ am schnellsten vergrößern kann. Diese Spezies wird irgendwann zum „Anführer“ der irdischen Evolution, verdrängt die Vielfalt der Konkurrenz und stürmt voran in die globale Beschleunigungskrise.
In diese Falle laufen wir Menschen jetzt, im Anthropozän, wenn wir sie nicht als solche erkennen. Um ihr zu entkommen, müssten jetzt diejenigen Akteure gebremst werden, die gleichzeitig global und schnell Veränderungen vorantreiben.
Lokale Raserei und allmähliche Globalisierung bedrohen nicht das Ganze. Lokale Zusammenbrüche durch zu hektische und unbewährte Neuerungen können aus der intakten Umgebung heraus regeneriert werden – da kann „Gras drüber wachsen“. Auch eine Neuerung, die sich allmählich immer weiter ausbreitet und globalisiert, ist ungefährlich, denn sie unterliegt ja einem stetigen Bewährungsprozess. Gefährlich wird’s, wenn beide Grenzen, die räumliche und die zeitliche, gleichzeitig überschritten werden. Dann kann kein Gras mehr drüber wachsen. Dann experimentieren wir mit dem ganzen Globus auf eine Art, die nicht „aufwärts“ führt.
Die Bedingungen Vielfalt und Gemächlichkeit, die wir Menschen jetzt global beseitigen, zu bewahren, erscheint fast aussichtslos. Die „Selbstorganisation“ der freien Marktkräfte und der Marktmechanismen heizen den „Teufelskreis“ an statt ihn auszubremsen. Die Wachstums- und Wettbewerbsdoktrin der herrschenden Wirtschaftsweisheit treibt uns mit sehr viel Energie und noch mehr Energiehunger in die globale Beschleunigungskrise. Die Natur, die uns Menschen erzogen hat, lässt das alles zu. In ihrer Selbstorganisation folgt sie einer Logik, aber keinem Ziel.
Und trotzdem muss uns genau dies gelingen: Den Teufelskreis bremsen, der uns in die große Beschleunigung treibt. Denn andernfalls dürfte es auf dem Boden dieser Erde ausgesprochen ungemütlich werden.
Die Komplexität wird kompliziert Wenn im sich selbst organisierenden Evolutionsprozess keine Zeit für Bewährung mehr bleibt, dann baut das Neue auf Unbewährtem auf. Fehler und Instabilitäten vermehren sich schneller als wir sie beheben können. Die Komplexität wird kompliziert. Das Netz des Lebens, das uns bisher getragen hat, ohne dass wir uns groß darum kümmern mussten, wird nun gefährlich für uns: ein Netz, in dem wir uns verwickeln und strangulieren. Weil wir es über seine Grenzen hinaus strapazieren. Der Fortschritt wird turbulent und taumelt „abwärts“. Er lässt alles Hergebrachte, alles Gewohnte, alle Normen und damit jede Ethik veralten. Für normal halten wir ja, womit wir als Kinder aufgewachsen sind. Es gibt keine Normalität mehr, wenn sich die Welt innerhalb einer einzigen Generation im Großen verändert.
In unserer Zeit, dem „Anthropozän“ , scheint der Fortschritt bereits „abwärts“ zu taumeln zu immer instabileren Zuständen und zu immer größeren Problemen, die uns über die Köpfe wachsen. Das Massenaussterben ist bereits diagnostizierbar. Der gefährliche Klimawandel kann als Paradebeispiel der Fehlentwicklung gelten: Die zu schnelle (innerhalb einer menschlichen Lebensspanne) global wirksame Anreicherung der Atmosphäre mit Kohlendioxid.
Was lehrt uns der Blick auf das Zeitproblem? Realismus: Der „nüchterne Realismus“ des mechanistischen Weltbildes bedarf einer neuen Ernüchterung: Er muss die Unberechenbarkeit der Komplexität in sein Kalkül mit aufnehmen.
Solidarität: Wir Menschen müssen uns nicht gegenseitig als dumm oder böse hinstellen. Wir sind keine evolutionären Versager, sondern Symptomträger. Die globale Krise des Anthropozäns war systemlogisch unvermeidlich, man kann sie als evolutionäre Sackgasse oder Falle auffassen, aus der wir uns gemeinsam befreien müssen.
Zuversicht: Wir müssen nicht verzweifeln. Es gibt Möglichkeiten, der Falle zu entkommen. Um einen wünschenswerten Wandel herbeizuführen, brauchen wir keine monströsen Einzelakteure, die sehr schnell globale Veränderungen herbeiführen, sondern eine Vielfalt an Initiativen, die Alternativen im kleinen Maßstab erproben und durch Erfahrungsaustausch und Zusammenwirken den nötigen Lernprozess ermöglichen.
Wettbewerb: Die wirtschaftliche Konkurrenz um Lebensgrundlagen ist kontraproduktiv. Was wir brauchen ist ein Wettbewerb um die besten Ideen für globale Kooperation und zur gemeinsamen Sicherung unserer Lebensgrundlagen.