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Franz Garnreiter
System Change oder Klimakollaps
Über die Verantwortungslosigkeit kapitalistischer Gesellschaften

München 2026 oekom; 270 Seiten; ISBN 978-3-98726-537-2


Seit Jahren wird versprochen, die Klimakrise mit CO₂-Preisen, Effizienzsteigerungen und grünem Wachstum zu lösen. Doch während Emissionen bepreist werden, steigen sie weiter; während erneuerbare Energien ausgebaut werden, wächst der Rohstoffverbrauch. Dieses Buch nimmt diese Widersprüche ernst - und zieht Konsequenzen.

Franz Garnreiter zeigt anhand konkreter Beispiele, warum marktwirtschaftliche Klimapolitik an ihre Grenzen stößt: warum Emissionshandel die Dekarbonisierung nicht beschleunigt, warum "grünes" Wachstum neue Abhängigkeiten von Metallen und Ressourcen schafft und weshalb die Hauptlast der Klimazerstörung bei jenen landet, die am wenigsten dazu beitragen.

Der besondere Blick dieses Buches liegt auf Zeiträumen und Machtverhältnissen, die in der Klimadebatte meist ausgeblendet werden: auf 250 Jahren kapitalistischer Expansion, auf der Konzentration von Reichtum und Entscheidungsmacht und auf der systematischen Verlagerung ökologischer Kosten in den Globalen Süden. Statt abstrakter Appelle fragt das Buch konkret, welche Wirtschaftsweise innerhalb planetarer Grenzen überhaupt tragfähig ist - und was dafür grundlegend anders werden muss.
(Verlagsseite)

Das Buch ragt aus der Vielzahl der Veröffentlichungen zum Klimathema dreifach heraus: Erstens gibt es einen detaillierten Überblick über relevante klima- und wirtschaftswissenschaftliche Studien und präsentiert die Datenlage in meist selbsterklärenden Grafiken. Es rekonstruiert zweitens die Irrwege der Marktideologie; denn „wer in einer Welt begrenzter Ressourcen“, so der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Boulding, „an exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschaftler.“ Und drittens lockert der Autor den Text durch eingestreute kurze Zitate aus der Debatte über Klima und Wirtschaft, die teils eine entlarvende Ehrlichkeit, teils einen erschreckenden Zynismus offenbaren. Pflichtlektüre für einen Klimadiskurs, der auf der Höhe der Zeit sein will. (Fritz Reheis, widerspruch.com)

Franz Garnreiter, Jahrgang 1949, ist Diplom-Volkswirt. Er war beruflich in der Energiewirtschaft tätig sowie in der Forschung zur rationellen Energienutzung. Als Autor arbeitet er am isw-Institut in München zu Fragen der Globalisierung, der Einkommensverteilung und zum Verhältnis von Klima und Wirtschaft.

INHALTSVERZEICHNIS
(mit Unterkapiteln)
Vorwort
Einführung: Klimaschutz und Marktwirtschaft

Muss Klimaschutz rentabel sein?
Wie viel Klimaschutz ist genau richtig?
Der Klimawandel ist ein soziales Thema!
Thesen
A: Die kapitalistische Raubbauwirtschaft ist das Problem

1. Den Zeithorizont erweitern: 250 Jahre Kapitalismus verändern die Umwelt für immer

1.1 Wirtschaftswachstum im Feudalismus und im Kapitalismus
1.2 Das kapitalistische Wachstum schafft außer Reichtum auch Probleme

2. Der Preis für Macht und Reichtum für nur Wenige

2.1 Zerstörung der Natur, insbesondere des Klimas
2.2 Finanzmacht für die Wenigen, Armut für die Vielen
2.3 Muss Klimaschutz an knappen Finanzmitteln scheitern?

3. Wer sind die Klimazerstörer? Etwa wir?

3.1 Zu Beginn: Welche Länder sind Klimazerstörer?
3.2 Genauer: In welchen Ländern tragen die Menschen besonders viel zum Klimawandel bei?
3.3 Noch genauer: Verbrauchsbedingte statt territorialer Emissionen
3.4 Erkenntnis: Nicht der nationale Status, sondern der soziale Status erklärt den Klimazerstörer
3.5 Fazit: Nur weil die Armen arm sind, können wir das Reichsein – noch! – genießen

4. Wer sind und wo leben die von der Klimazerstörung Betroffenen?

4.1 Ungünstige geografische Lage
4.2 Die gefährdete Landwirtschaft im Globalen Süden gefährdet deren Gesamtwirtschaft
4.3 Emittenten und Emissionsopfer
4.4 Überforderung der Armen
4.5 Fazit: Klimazerstörung fast wie eine Neuauflage des Kolonialismus

B: Problemlösung durch mehr Marktwirtschaft?

5. Der Wachstumswahn: Durchstarten mit grünem Wachstum?

5.1 Von welchem langfristigen Verlauf des Wirtschaftswachstums kann man ausgehen?
5.2 Einfach viel mehr in Sonne und Wind investieren? Energiewende in der Wachstumsgesellschaft
5.3 Von der Verbrennung fossiler Energieträger zum Verbrauch von Metallen
5.4 Der bisherige Raubbau an endlichen Rohstoffvorräten
5.5 Entkoppelung von Wachstum und Rohstoffverbrauch möglich?
5.6 Steigender Bedarf und endlich Vorkommen von Metallen: ein reales Problem?
5.7 Der Raubbau geht zulasten der armen Länder

6. Der Preishebel: CO2 bepreisen, dann macht’s der Markt?

6.1 Mit ökologisch richtigen Preisen Marktversagen reparieren: Was heißt das?
6.2 Markt und Klimaschutz im Produktionsbereich: Das Emissionshandelssystem der EU
6.3 Markt und Klimaschutz im Konsumbereich: Die CO2-Besteuerung

7. Von der Ideologie des optimalen Gleichgewichts zur Realität der sozialen und ökologischen Zerstörung

7.1 Markttheorie: Fördert Verdummung
7.2 Reale Marktwirtschaft: Fördert Egoismus, blockiert Gemeinsamkeit
7.3 Kapitalismus: Fördert schrankenlose Freiheit gegen Demokratie
7.4 Globalisierung: Forciert Ausbeuten, Niederhalten, Militarisierung
7.5 Trump & Co: Rausholen-was-geht als Wirtschaftspolitik
7.6 Die westlichen Werte in der internationalen Klimapolitik: Abwälzen der Kosten auf die Betroffenen
7.7 Fazit: Vom Totalitarismus Marktwirtschaft zur Notwendigkeit einer neuen Wirtschaftsordnung

C: Das Ende einer lebenswerten Welt oder das Ende der Ausbeutung von Mensch und Natur

8. Eine andere Welt ist nötig und möglich!

8.1 Einkommen umverteilen: Die Wohlstandspotenzen einer Reduzierung der weltweiten Ungleichheit
8.2 Konsum beschränken: Was ist Luxus?
8.3 Wirtschaft umbauen: Beginnen wir mit dem, was die Gesellschaft nicht wirklich wohlhabender macht
8.4 Kommunalisierung der Energiewirtschaft: Grundversorgung ohne Profit- und Konkurrenztrieb
8.5 Reformen oder Revolution?

9. Zunehmende Blockbildung und Militarisierung im internationalen Rahmen verdrängen den Klimaschutz

9.1 Die Notwendigkeit friedlicher, kooperativer internationaler Beziehungen
9.2 Russlands Überfall: die Zeitenwende hin zur Militarisierung
9.3 Militarisierung und Kriegsvorbereitung
9.4 Die Guten und die Bösen: Doppelmoral und Arroganz bestimmen die Weltsicht des Westens
9.5 Militarisierung und Gier oder Klimaschutz und Wohlstand: Es geht nicht beides!


Anhang/Quellenverzeichnis



LESEPROBE
siehe: /www.oekom.de/…

Vorwort

Die kapitalistische Marktwirtschaft ist ungeheuer schöpferisch und gleichzeitig ungeheuer zerstörerisch. Wir nutzen revolutionäre technische Möglichkeiten, wir nutzen die riesigen Schätze der Natur, wir nutzen die Intelligenz und Kreativität von Milliarden Menschen – und wir schaffen es dennoch nicht, auch nur annähernd allen Menschen auf der Erde eine menschenwürdige Existenz zu sichern. Schlimmer noch: Wir zerstören die Umwelt in einem so rasenden Tempo, dass diese Umwelt nach vielen Jahrtausenden Stabilität innerhalb von Jahrzehnten zu kollabieren droht.

Dieses Buch diskutiert die Unzulänglichkeit marktwirtschaftlich-kapitalistischer Strategien zur Überwindung der Klimakrise, die ja durch eben dieses kapitalistische Wirtschaftssystem entstanden ist. Aus dieser Unzulänglichkeit folgt die Notwendigkeit eines grundsätzlich anderen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, wenn wir alle gemeinsam gut überleben wollen.

Dieses Buch ist letztlich das Ergebnis einer vieljährigen Arbeit und Diskussion im isw – Institut für sozialökologische Wirtschaftsforschung (
www.isw-muenchen.de). Das isw wurde 1990 gegründet und beschäftigt sich mit Fragen zur künftigen Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. In mehr als 200 Veröffentlichungen, in Veranstaltungen und in internen und öffentlichen Diskussionsrunden diskutieren wir die Fragen, die hier ausgebreitet werden (und auch viele weitere).

Dieses Buch drückt meine tiefe Besorgnis darüber aus, dass es uns, den heute schöpferisch und zerstörerisch tätigen Menschen, womöglich nicht mehr gelingen wird, den kommenden Generationen eine lebensfreundliche Welt zu hinterlassen.

Ich wäre froh, wenn diese meine Ausführungen und Befürchtungen vollumfänglich widerlegt werden könnten.

Seite 203:

Angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeiten der marktorientierten Lösungsansätze brauchen wir eine neue Herangehensweise. Eine andere Welt ist nötig. Eine grundlegend solidarische Welt, in der gemeinsam um das Ende all der Umweltzerstörungen gerungen wird. Allerdings: Diese andere Welt scheint für viele Menschen weit weg, völlig utopisch, schlicht unmöglich zu sein. So wie es der Philosoph Slavoj Žižek ausdrückte: »Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.« Und es sieht danach aus, dass er Recht behalten könnte – in dem Sinne, dass die gegebene Welt, also unser bislang irgendwie geordnetes Zusammenleben, eher im Chaos untergeht, bevor sie vernünftig und nachhaltig geändert werden kann.

»Geschlagen gehen wir nach Haus, die Enkel fechten's besser aus«: Diese Überzeugung begründete den historischen Optimismus der alten Arbeiterbewegung. Fast immer waren Niederlagen zu erleiden, aber dennoch war die Überzeugung ungebrochen, dass in der Zukunft die Überwindung der Ausbeuterverhältnisse gelingen werde. Dieser historische Optimismus mit Bewahrung unserer Umwelt ist heute ziemlich gegenstandslos, weil die Enkel in einer unwiederbringlich zerstörten Welt und in einer in sich und zu sich feindseligen Gesellschaft leben werden. Wenn es nicht doch noch gelingt, die Welt zu ändern.

Seite 249

Die Zeit zu handeln und gute Neuausrichtungen zu bewirken, um halbwegs passabel aus der Misere herauszukommen: die läuft gerade ab. Der Horizont in der Klimadebatte ist oft das Jahr 2100, aber wie die Verhältnisse 2100 sein werden, das hängt wesentlich von unseren Handlungen jetzt ab. Wir stellen jetzt in diesen Jahren die Weichen, ob Kipppunkte überschritten werden. Die Auswirkungen eines solchen Überschreitens, die Auswirkungen weiterer scharfer Erwärmung und Klimaänderungen: die werden unsere Enkel 2100 nicht zurückdrehen können.

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