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Ernst Friedrich Schumacher
Die Rückkehr zum menschlichen Maß

Alternativen für Wirtschaft und Technik
«Small is Beautiful»


Reinbeck bei Hamburg 1977 (Rowohlt); 316 Seiten; ISBN 3-498-06121-6
Originalausgabe: Small is Beautiful. A Study of Economics as if People Mattered, London 1973;
Neue Ausgabe 2013 durch den
oekom-Verlag, München






Allenthalben gerät die Ökonomie, begriffen als Methode der Ausbeutung und Expansion, an ihr Ende. Der gewaltige Sprung in den wirtschaftlichen Gigantismus der letzten Jahrzehnte hat zugleich auch die Krise erzeugt: die Grenzen sind sichtbar geworden.

Der britische Ökonom und ehemalige Wirtschaftsmanager E. F. Schumacher gilt als einer der Klassiker für eine alternative wirtschaftliche Denkweise. Pressestimmen: „
Schumachers Buch lässt aufhorchen. Da schreibt einer, der tut, was er schreibt, da spricht einer mit der gleichen Selbstverständlichkeit über Probleme der kapitalistischen Wirtschaft, wie er die Bibel zitiert, da hält einer dem Glaubensbekenntnis des Kapitalismus die Lehren des Buddha entgegen und bleibt dabei sachlich, überzeugend und glaubwürdig. Die Zeit war reif für dieses Buch, es wird auch in der Bundesrepublik ganz gewiss nicht ohne Wirkung bleiben.” (Hessischer Rundfunk) „Ein Buch, das man wirklich ‚lesen‘ kann, ohne zu studieren: ein Buch für Theorie und Praxis an der Basis! ‚Small is Beautiful‘ ist das Brillanteste und Schärfste, was man bislang im geistigen Rüstzeug der Alternativ- bewegung findet.” (taz) “Die Rückkehr zum menschlichen Maß scheint endlich, nach langer Anlaufzeit, nicht nur politik-, sondern auch marktfähig zu werden.” (Michael Wendel, Die Rheinpfalz)

Siehe auch:
E.F.Schumacher-Gesellschaft für Politische Ökonomie


Ernst Friedrich Schumacher


Geboren am 16. August 1911 in Bonn; gestorben am 4. September 1977 im Zug zwischen Genf und Lausanne). Britischer Ökonom deutscher Herkunft. Nach dem Abitur studierte er Volkswirtschaftslehre, zunächst in Bonn, Berlin und dann an der London School of Economics and Political Science sowie als Rhodes-Stipendiat in Oxford. Vor dem zweiten Weltkrieg floh er zurück nach England, um dem Nazi-Regime zu entkommen. Nach dem Krieg arbeitete Schumacher als Wirtschaftsberater bei der britischen Steuerkommission, die mit dem Umbau der deutschen Wirtschaft betraut wurde. Von 1950 bis 1970 war er Chief Economic Advisor (Chefökonom) der britischen Kohlebehörde, die über 800.000 Angestellte verfügte. Mit seiner weitsichtigen Planung (er sagte den Aufstieg von OPEC und die Probleme der Kernenergie voraus), half er Großbritannien bei seinem Wirtschaftsaufschwung. 1955 reiste Schumacher als ökonomischer Berater nach Birma. Dort entwickelte er die Grundregeln von dem, was er „Buddhist Economics“ nannte, basierend auf dem Glauben, dass gute Arbeit für eine richtige menschliche Entwicklung wesentlich ist und dass "Produktion von lokalen Betriebsmitteln für die lokale Notwendigkeiten die rationalste Weise des Wirtschaftens ist." 1971 konvertierte er zum katholischen Glauben. Über sein Verhältnis zur katholischen Kirche sagte er einmal: It was a long standing illicit relationship.


Inhaltsverzeichnis


Teil I: Die moderne Welt
1. Das Problem der Produktion
2. Frieden und Stetigkeit
3. Die Rolle der Wirtschaftswissenschaft
4. Buddhistische Wirtschaftslehre
5. Groß oder klein?

Teil II: Aktivposten
1. Der größte Aktivposten – Bildung
2. Die richtige Nutzung von Grund und Boden
3. Hilfsquellen für die Industrie
4. Atomenergie – Rettung oder Verderben?
5. Technologie mit menschlichen Zügen

Teil III: Die Dritte Welt
1. Entwicklung
2. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufgaben, die die Entwicklung einer Mittleren Technik erfordern
3. Zwei Millionen Dörfer
4. Das Problem der Arbeitslosigkeit in Indien

Teil IV: Organisation und Eigentum
1. Eine Maschine, die die Zukunft voraussagen kann?
2. Vorüberlegungen zu einer Theorie organisatorischer Großformen
3. Sozialismus
4. Eigentum
5. Neue Eigentumsmodelle

Nachwort
Anmerkungen und Quellenhinweise

Anhang:
George McRobie: Small is Possible – Mittlere Technologie in der Praxis


Leseprobe


Teil I / Kapitel I.



Das Problem der Produktion






Es ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer unserer Zeit zu glauben, das „Problem der Produktion“ sei gelöst. Dieser Glaube wird nicht nur mit Überzeugung von Menschen vertreten, die weit von der Produktion entfernt und daher aus Berufsgründen mit den Tatsachen nicht vertraut sind – er wird von praktisch allen Fachleuten, den Managern in der Industrie und in den Regierungen der ganzen Welt, den akademischen und nicht ganz so akademischen Wirtschaftstheoretikern vertreten, ganz zu schweigen von den Wirtschafts-Journalisten. Sie sind möglicherweise über vielerlei uneins, einig aber sind sich alle darüber, daß das Problem der Produktion gelöst, daß die Menschheit endlich erwachsen geworden sei. Sie sagen, daß die wichtigste Aufgabe für die reichen Länder nunmehr die „Bewältigung der Muße“ und für die armen Länder die „Weitergabe von technologischem Wissen“ sei.

Daß nicht alles so gut aussieht, wie es müßte, ist sicher auf menschliche Schwächen zurückzuführen. Daher müssen wir ein so perfektes politisches System entwerfen, daß menschliche Schwächen verschwinden und jeder sich wohlverhält, ganz gleich, wieviel Schwächen es in ihm oder ihr gibt. Tatsächlich nimmt man weithin an, jeder werde mit guten Anlagen geboren. Wenn jemand zum Verbrecher oder Ausbeuter wird, liegt das am „System“. Zweifellos ist „das System“ in vielerlei Hinsicht schlecht und bedarf der Änderung. Einer der Hauptgründe dafür, warum es schlecht ist und warum es trotz seiner Mängel weiterbestehen kann, liegt in eben der irrigen Ansicht, das „Problern der Produktion“ sei gelöst. Da dieser Irrtum alle gegenwärtigen Systeme durchdringt, spricht gegenwärtig für keines von ihnen sehr viel.

Das Auftreten dieses Irrtums, der ebenso unglaublich wie fest verwurzelt ist, hängt eng mit den philosophischen, um nicht zu sagen religiösen, Veränderungen zusammen, die in den letzten drei oder vier Jahrhunderten in der Haltung des Menschen der Natur gegenüber eingetreten sind. Vielleicht sollte ich sagen: des westlichen Menschen, doch da die gesamte Welt sich zur Zeit verwestlicht, erscheint die allgemeinere Aussage gerechtfertigt. Der moderne Mensch erfährt sich selbst nicht als Teil der Natur, sondern als eine von außen kommende Kraft, die dazu bestimmt ist, die Natur zu beherrschen und zu überwinden. Er spricht sogar von einem Kampf gegen die Natur und vergißt dabei, daß er auf der Seite der Verlierer wäre, wenn er den Kampf gewönne. Noch bis vor kurzem sah der Kampfverlauf so günstig aus, daß die Selbsttäuschung unbegrenzter Macht daraus erwuchs, doch wiederum nicht so günstig, als daß er die Möglichkeit eines vollständigen Sieges hätte erkennen lassen. Dieser Sieg zeichnet sich nun ab, und viele Menschen, wenn auch nur eine Minderheit, beginnen sich darüber klarzuwerden, was das für das Weiterbestehen der Menschheit bedeutet.

Die Täuschung, über unbegrenzte Kräfte zu verfügen, die durch erstaunliche wissenschaftliche und technische Errungenschaften genährt wurde, brachte zugleich die Täuschung mit sich, das Problem der Produktion wäre gelöst. Und dieses gründet auf der Unfähigkeit, da zwischen Ertrag und Kapital zu unterscheiden, wo es auf diese Unterscheidung am meisten ankommt. Jeder Betriebswirtschaftler und Geschäftsmann kennt den Unterschied und wendet ihn bewußt und mit beträchtlichem Scharfsinn auf alles wirtschaftliche Tun an – außer da, wo es wirklich wichtig wäre: nämlich beim unersetzlichen Kapital, das der Mensch nicht geschaffen, sondern einfach vorgefunden hat und ohne das er nichts tun kann.

Ein Geschäftsmann würde von einer Firma nicht annehmen, daß sie ihre Probleme der Produktion gelöst hat und lebensfähig ist, wenn er sähe, daß sie rasch ihr Kapital aufzehrt. Wie aber könnten wir diesen wesentlichen Tatbestand übersehen, wenn es um dieses sehr große Unternehmen, die Wirtschaft des Raumschiffs Erde, und insbesondere um das jeweilige Wirtschaftssystem seiner reichen Fluggäste geht?

Ein Grund dafür, daß diese wesentlicheTatsache übersehen wird, liegt darin, daß wir uns von der Wirklichkeit entfremdet haben und alles als wertlos ansehen, was wir nicht selbst erzeugt haben. Sogar der große Dr. Marx verfiel diesem verhängnisvollen Irrtum, als er die sogenannte „Arbeitswert-Theorie“ formulierte. Nun, wir haben wirklich gearbeitet, um etwas von dem Kapital zu schaffen, das uns heute bei der Produktion hilft – einen großen Vorrat an wissenschaftlichem, technischem und sonstigem Wissen, eine ausgeklügelte materielle Infrastruktur, zahllose Formen hochentwickelter Technologien und so weiter – aber all das ist nur ein kleiner Teil des Gesamtkapitals, das wir einsetzen. Weit größer ist das von der Natur und nicht vom Menschen zur Verfügung gestellte Kapital – und wir erkennen es nicht einmal als das, was es ist. Dieser größere Teil wird gegenwärtig mit beunruhigender Geschwindigkeit aufgezehrt, und daher ist es ein unsinniger und selbstmörderischer Irrtum zu glauben, das Problem der Produktion sei gelöst, und nach diesem Glauben zu handeln.

(...)


Siehe auch:


Ernst Friedrich Schumacher: Das Ende unserer Epoche («Good Work») – Reden und Aufsätze



Ernst Friedrich Schumacher: Rat für die RatlosenVom sinnerfüllten Leben