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Jean Ziegler
Die neuen Herrscher der Welt

und ihre globalen Widersacher

München 2003 (Bertelsmann Verlag); 318 Seiten; ISBN 3-570-00679-4
Originalausgabe: »Les nouveux Maîtres du Monde et ceux qui leur résistent« (Paris 2002)








Alle sieben Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger. 826 Millionen Menschen sind permanent schwer unterernährt. Sie sind Opfer einer Weltordnung, deren Gesetze nur noch dem grenzenlosen Profit verpflichtet sind. So das Fazit von Jean Ziegler in seinem Bericht aus dem Innern der neuen Weltwirtschaft. Die Globalisierung polarisiert die Weltgesellschaft: Den Wenigen, die über nie gekannten ungeheuren Reichtum verfügen, stehen die Millionen Opfer von Hunger, Epidemien und zerstörten Familien gegenüber. Im Zentrum dieser mörderischen Ordnung agieren die neuen Herrscher der Welt: die Beutejäger des globalisierten Finanzkapitals, die Barone der transkontinentalen Konzerne, die Börsenspekulanten. Mit ihrem Tun zerstören sie den Staat, verwüsten die Natur und entscheiden jeden Tag darüber, wer sterben muß und wer leben darf.




In seiner Analyse demaskiert Ziegler die Profiteure einer privatisierten Welt, entlarvt ihre menschenverachtenden Methoden und ihre schneidende Arroganz. Scharf kritisiert er die Rolle von Weltbank, Weltwährungsfonds und Welthandelsorganisation bei der hemmungslosen Liberalisierung von Waren, Dienstleistungen und Arbeit. Menschenrechte, Staatensouveränität und Gemeinwesen bleiben auf der Strecke. Die Folgen sind Firmenzusammenbrüche, Korruptionsskandale, Massenarbeitslosigkeit und sich zuspitzende gesellschaftliche Konflikte. Gegen die zynische Ordnung der neuen Herrscher und gegen ihre Doktrin von der „Selbstregulierung“ der Märkte regt sich Widerstand. Überall, auch in Deutschland. Neue, bislang unbekannte Sozialbewegungen schießen aus dem Boden. Sie kämpfen für eine menschenwürdigere Welt. Die neue planetarische Zivilgesellschaft ist die Hoffnung der Völker.


Jean Ziegler


geboren 1934 im schweizerischen Thun, lehrt Soziologie an der Universität Genf, ist ständiger Gastprofessor an der Sorbonne/Paris und UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Jean Ziegler wurde in jungen Jahren geprägt von seiner Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie durch einen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UN-Experte nach der Ermordung Patrice Lumumbas. – Bis 1999 Nationalrat im Schweizer Parlament. Hat sich als Schriftsteller, der unbequeme Wahrheiten ans Licht der Öffentlichkeit bringt, einen Namen gemacht. Seine ebenso unbestechlichen wie engagierten Bücher (z.B. „Die Schweiz wäscht weißer“; „Die Schweiz, das Gold und die Toten“; „Die Barbaren kommen. Kapitalismus und organisiertes Verbrechen“; „Wie kommt der Hunger in die Welt?“) haben heftige Diskussionen und Skandale ausgelöst und ihm internationales Ansehen, in seinem eigenen Land jedoch den Ruf des Nestbeschmutzers eingetragen.






"Ich habe mir geschworen, nie wieder, auch nicht zufällig, auf der Seite der Henker zu stehen." (J. Ziegler)


Inhaltsverzeichnis


Vorwort: Die Weltgeschichte meiner Seele






TEIL I: Die Globalisierung – Geschichte und Konzepte



1. Eine Ökonomie des Archipels



2. Das Imperium



3. Die Ideologie der Herrscher






TEIL II: Die Beutejäger



1. Blutgeld



2. Die Agonie des Staates



3. Die Zerstörung der Menschen



4. Die Verwüstung der Natur



5. Die Korruption



6. Das Paradies der Piraten






TEIL III: Die Söldlinge



1. Die WTO als Kriegsmaschine



2. Ein Pianist bei der Weltbank



3. Die Feuerteufel vom IWF



4. Unrentable Völker



5. Die Arroganz






TEIL IV: Die Welt demokratisieren



1. Die Hoffnung: die neue planetarische Zivilgesellschaft



2. Das Prinzip Großmut



3. Die Fronten des Widerstands



4. Die Waffen des Kampfes



5. Boden und Freiheit






Statt eines Nachworts: Morgenröte



Danksagung



Anmerkungen



Personen-/Sachregister


Leseproben


Aus dem Vorwort: „Die Weltgeschichte meiner Seele“ (Seite 12 ff)






Zu Beginn des neuen Jahrtausends beherrschen die transkontinentalen kapitalistischen Oligarchien die ganze Welt. Ihre tägliche Praxis und ihr Rechtfertigungsdiskurs stehen in radikalem Widerspruch zu den Interessen der übergroßen Mehrheit der Erdbewohner.






Die Globalisierung führt zur forciert fortschreitenden Verschmelzung der nationalen Volkswirtschaften, zu einem kapitalistischen Weltmarkt und einem einheitlichen »Cyberspace«. Dieser Vorgang bewirkt eine gewaltige Steigerung der Produktivkräfte. Alle Augenblicke werden immense Reichtümer geschaffen. Die kapitalistische Produktions- und Akkumulationsweise zeugt von einer wahrhaft verblüffenden und gewiss auch bewunderungswürdigen Kreativität, Vitalität und Kraft.






In weniger als einem Jahrzehnt hat sich das Weltsozialprodukt verdoppelt und das Welthandelsvolumen verdreifacht. Und was den Energieverbrauch betrifft – er verdoppelt sich im Durchschnitt alle vier Jahre.






Zum ersten Mal in ihrer Geschichte genießt die Menschheit einen Überfluss an Gütern. Der Planet bricht schier unter seinen Schätzen zusammen. Die verfügbaren Güter übertreffen um ein Vieltausendfaches die nicht einschränkbaren Bedürfnisse der Menschen.






Aber auch die Leichenberge wachsen.






Die vier apokalyptischen Reiter der Unterentwicklung heißen Hunger, Durst, Seuche und Krieg. Sie zerstören jedes Jahr mehr Männer, Frauen und Kinder, als es das Gemetzel des Zweiten Weltkriegs in sechs Jahren getan hat. Für die Menschen der Dritten Welt ist der »Dritte Weltkrieg« in vollem Gange.






Tag für Tag sterben auf unserem Planeten ungefähr 100 000 Menschen an Hunger oder an den unmittelbaren Folgen des Hungers. 826 Millionen Menschen sind gegenwärtig chronisch und schwer unterernährt. 34 Millionen von ihnen leben in den wirtschaftlich entwickelten Ländern des Nordens; der weit größere Teil, 515 Millionen, lebt in Asien, wo er 24 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Betrachtet man jedoch den prozentualen Anteil der Opfer, so ist es das Afrika südlich der Sahara, das den größten Tribut zu leisten hat: Hier sind 186 Millionen Menschen dauernd schwer unterernährt, das heißt 34 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten von ihnen leiden an dem, was die FAO »extremen Hunger« nennt; ihre tägliche Lebensmittelration liegt im Durchschnitt 300 Kalorien unter der Menge, die zum Überleben unter erträglichen Bedingungen nötig ist. Die am stärksten von extremem Hunger betroffenen Länder liegen im subsaharischen Afrika (achtzehn Länder), in der Karibik (Haiti) und in Asien (Afghanistan, Bangladesch, Nordkorea, Mongolei).






Alle zehn Sekunden verhungert auf der Erde ein Kind unter zehn Jahren.






Ein Kind, das von seiner Geburt bis zum fünften Lebensjahr angemessene Nahrungsmittel in ausreichender Menge entbehren muss, hat sein Leben lang an den Folgen zu leiden. Einen Erwachsenen, der vorübergehend unterernährt war, kann man mithilfe komplizierter, unter ärztlicher Aufsicht vorgenommener Therapien in ein normales Leben zurückführen. Bei einem Kind unter fünf Jahren ist das unmöglich. Unzulänglich ernährt, haben seine Gehirnzellen bereits irreparable Schäden davongetragen. »Von Geburt an Gekreuzigte« nennt Régis Debray diese Kinder.






Hunger und chronische Fehlernährung stellen einen Erbfluch dar: Jahr für Jahr bringen Hunderte von Millionen schwer unterernährter Mütter Hunderte von Millionen unheilbar geschädigter Säuglinge zur Welt. Alle diese unterernährten Mütter, die trotzdem Leben schenken, erinnern an jene verdammten Frauen bei Samuel Beckett: »Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick, und dann von neuem die Nacht.«






Eine ganze Dimension menschlichen Leidens fehlt noch in diesem Bild: die erstickende, unerträgliche Angst, die jeden Hungernden peinigt, sobald er erwacht. Wie wird er an diesem neuen Tag den Lebensunterhalt für die Seinen sichern und sich selbst ernähren können? In dieser Angst zu leben ist vielleicht noch furchtbarer, als die mannigfachen Krankheiten und körperlichen Schmerzen zu erdulden, die den unterernährten Körper befallen.






Die Zerstörung von Millionen Menschen durch Hunger vollzieht sich täglich in einer Art von eisiger Normalität – und auf einem Planeten, der von Reichtümern überquillt.






In dem Stadium, das die Erde durch ihre landwirtschaftlichen Produktionsmittel erreicht hat, könnte sie 12 Milliarden Menschen normal ernähren, anders gesagt, sie könnte für jeden einzelnen eine Ration von 2700 Kalorien pro Tag bereitstellen. Doch wir sind heute nur etwas über 6 Milliarden Menschen auf der Erde, und trotzdem leiden Jahr für Jahr 826 Millionen von ihnen an chronischer, krank machender Unterernährung.






Die Gleichung ist einfach: Wer Geld hat, isst und lebt. Wer keines hat, leidet und wird invalide oder stirbt.






Ständiger Hunger und chronische Unterernährung sind von Menschen gemacht. Verantwortlich für sie ist die mörderische Ordnung der Welt. Wer auch immer an Hunger stirbt – er ist Opfer eines Mordes.






Über zwei Milliarden Menschen leben in »absoluter Armut«, wie es das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) nennt: ohne feste Einkünfte, ohne regelmäßige Arbeit, ohne angemessene Behausung, ohne medizinische Versorgung, ohne ausreichende Ernährung, ohne Zugang zu sauberem Wasser, ohne Schule.






Das Recht über Leben und Tod dieser Milliarden von Menschen üben die Herren des globalisierten Kapitals aus. Durch ihre Investitionsstrategien, ihre Währungsspekulationen, die politischen Bündnisse, die sie eingehen, entscheiden sie Tag für Tag darüber, wer das Recht hat, auf diesem Planeten zu leben, und wer dazu verurteilt ist, zu sterben.






Der von den Oligarchien seit Beginn der Neunzigerjahre errichtete Apparat der weltweiten Herrschaft und Ausbeutung ist von äußerstem Pragmatismus geprägt. Er ist stark gegliedert und weist nur einen geringen strukturellen Zusammenhalt auf. Auch ist er von außerordentlicher Komplexität und von zahlreichen inneren Widersprüchen gekennzeichnet. Verfeindete Fraktionen bekämpfen sich intern. Ein verbissenes Konkurrenzdenken durchzieht das ganze System. Untereinander liefern sich die Herrscher der Welt homerische Schlachten.






Ihre Waffen sind Zwangsfusionen, feindliche Übernahmeangebote, die Errichtung von Oligopolen, die Vernichtung des Gegners durch Dumpingpreise oder Kampagnen zur persönlichen Verunglimpfung. Mord ist seltener, aber gegebenenfalls scheuen die Herren auch davor nicht zurück.






Wird aber das System insgesamt oder in einem wesentlichen Teil bedroht oder auch nur dagegen demonstriert – wie etwa beim G8-Gipfel in Genua im Juni 2001 oder beim Weltsozialforum in Porto Alegre im Januar 2002 –, so schließen die Oligarchen und ihre Söldlinge die Reihen. Umgetrieben vom Willen zur Macht, von Gier und vom Rausch ihrer schrankenlosen Befehlsgewalt, verteidigen sie die Privatisierung der Welt mit Zähnen und Klauen. Denn die verschafft ihnen außerordentliche Privilegien, zahllose Pfründen und astronomische Privatvermögen.






Zu den Zerstörungen und Leiden, die den Völkern durch die Oligarchien des globalisierten Kapitals, sein militärisches Imperium und dessen Söldlinge, die Handels- und Finanzorganisationen, zugefügt werden, kommen noch jene, die durch Korruption und Untreue im Amt hervorgerufen werden, wie sie in zahlreichen Regierungen zumal der Dritten Welt in großem Stil gang und gäbe sind. Ohne die aktive Mittäterschaft und Korruption der Regierungen vor Ort kann nämlich die Weltordnung des Finanzkapitals nicht funktionieren. Walter Hollenweg, der angesehene Theologe von der Universität Zürich, fasst die Situation treffend zusammen: »Die besessene, schrankenlose Gier unserer Reichen, verbunden mit der Korruption der Eliten in den so genannten sich entwickelnden Ländern, bildet ein gigantisches Mordkomplott. ... Überall auf der Welt und Tag für Tag wiederholt sich der Kindermord von Bethlehem.«






(...)






Franz Kafka hat den rätselhaften Satz geschrieben: »Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte deiner Seele. «






Ich bin der Andere, der Andere ist Ich. Er ist der Spiegel, der es dem Ich erlaubt, sich zu erkennen. Seine Zerstörung zerstört die Menschheit in mir. Sein Leiden, selbst wenn ich mich dagegen wehre, macht mich leiden.






Heute nimmt die Not der Elenden immer mehr zu. Die Arroganz der Mächtigen wird unerträglich. Die Weltgeschichte meiner Seele gerät zum Albtraum. Aber auf den Flügeln der Taube naht die Revolution. Indem ich schreibe, kann ich dazu beitragen, die Dogmen der neuen Herrscher der Welt zu entkräften.









Dieses Buch besteht aus vier Teilen. Der erste untersucht die Geschichte der Globalisierung und die Rolle, die das amerikanische Imperium und die Ideologie der Herrscher der Welt darin spielen.






Der Beutejäger ist die zentrale Figur auf dem globalisierten kapitalistischen Markt, und seine Gier ist dessen Motor. Er akkumuliert das Geld, zerstört den Staat, verwüstet die Natur und die Menschen und korrumpiert die Beamten, die er in den von ihm beherrschten Völkern für seine Dienste einspannt. Er unterhält Steuerparadiese, deren Nutzung allein ihm vorbehalten ist. Die Umtriebe dieser Beutejäger sind Gegenstand des zweiten Teils.






Der Raubtierordnung dieser Beutejäger dienen ebenso ergebene wie schlagkräftige Söldlinge. Es sind die zu Feuerwehrleuten gemachten Feuerteufel vom Internationalen Währungsfonds und die fanatischen Parteigänger der Weltbank und der Welthandelsorganisation. Der dritte Teil des Buches ist der Analyse ihrer Aktivitäten gewidmet.






Eine neuartige planetarische Zivilgesellschaft, verbunden in einer geheimnisvollen Bruderschaft der Nacht, erhebt sich aus den Trümmern des Nationalstaats. Sie stellt das Imperium der Beutejäger radikal infrage. Sie organisiert den Widerstand. Sie setzt sich aus den mannigfaltigsten Fronten der Verweigerung zusammen. Diese Kämpfe lassen eine ungeheure Erwartung lebendig werden. Der vierte Teil des Buches analysiert sie.






José Martí hat geschrieben:






Es la hora de los hornos



Y solo hay que ver la luz.






[Es ist die Stunde der Brände – wir müssen nur aufschauen zu ihrem Licht.]









Aus TEIL I: Die Globalisierung – Geschichte und Konzepte



3. Die Ideologie der Herrscher (Seite 51 f)






Guy Debord schreibt: »Zum ersten Mal sind dieselben Leute Herr Über alles, was wir tun, und über alles, was wir darüber sagen.«






Die Gebieter beherrschen das Universum ebenso sehr durch ihre ideologischen Aussagen wie durch den wirtschaftlichen Zwang oder die militärische Dominanz, die sie ausüben. Der ideologische Leitstern ihres Tuns trägt einen unverfänglichen Namen: »Konsens von Washington«. Es handelt sich dabei um ein Bündel von informellen Abmachungen (gentlemen‘s agreements), die im Laufe der Achtziger- und Neunzigerjahre zwischen den wichtigsten transkontinentalen Gesellschaften, diversen Wall-Street-Banken, der amerikanischen Notenbank und internationalen Finanzorganisationen (Weltbank, Internationaler Währungsfonds usw.) getroffen wurden.






1989 wurde der »Konsens« durch John Williamson, Chefökonom und Vizepräsident der Weltbank, formalisiert. Seine Grundprinzipien sind zu jedem historischen Zeitpunkt, in jeder Volkswirtschaft und auf jedem Kontinent anwendbar. Sie zielen auf raschestmögliche Liquidierung jeder – staatlichen oder nichtstaatlichen – Regulierungsinstanz, die totale und raschestmögliche Liberalisierung aller Märkte (für Waren, Kapital, Dienstleistungen, Patente usw.) und, unter dem Stichwort stateless global governance, auf die Errichtung eines einheitlichen, sich selbst regulierenden Weltmarkts.






Der Konsens von Washington bezweckt die Privatisierung der Welt. Er beruht auf den folgenden Grundsätzen.






1. In jedem Schuldnerland ist eine Reform des Steuersystems unter zwei Gesichtspunkten notwendig: Absenkung der steuerlichen Belastung der höchsten Einkommen, um die Reichen zu produktiven Investitionen anzuregen, und Ausweitung der Zahl der Steuerpflichtigen; im Klartext: Abschaffung von steuerlichen Vergünstigungen für die Ärmsten im Interesse einer Erhöhung des Steueraufkommens.






2. Möglichst rasche und vollständige Liberalisierung der Finanzmärkte.






3. Garantierte Gleichbehandlung von inländischen Investitionen und ausländischen Investitionen, um die Sicherheit und damit das Volumen der Letzteren zu steigern.






4. Möglichst weit gehende Zerschlagung des öffentlichen Sektors; zu privatisieren sind namentlich alle Unternehmen, die im Besitz des Staats oder eines halbstaatlichen Gebildes sind.






5. Weitestgehende Deregulierung der Volkswirtschaft des betreffenden Landes, um das freie Spiel der Konkurrenz unter den verschiedenen wirtschaftlichen Kräften zu garantieren.






6. Verstärkter Schutz des Privateigentums.






7. Förderung der Liberalisierung der Handelsbeziehungen im schnellstmöglichen Rhythmus, mit dem Minimalziel einer jährlichen Senkung der Zolltarife um 10 Prozent.






8. Da der freie Handel durch Ausfuhren gefördert wird, ist vorrangig die Entwicklung jener wirtschaftlichen Sektoren zu begünstigen, die zur Ausfuhr ihrer Güter imstande sind.






9. Begrenzung des Haushaltsdefizits.






10. Erzeugung von Markttransparenz: Staatliche Subventionen an private Wirtschaftssubjekte sind überall abzuschaffen. Staaten der Dritten Welt, die die Preise der gängigsten Nahrungsmittel subventionieren, um sie niedrig zu halten, müssen auf diese Politik verzichten. Bei den Staatsausgaben müssen diejenigen Vorrang haben, die dem Ausbau der Infrastruktur dienen.









Aus TEIL II: Die Beutejäger



3. Die Zerstörung der Menschen (Seite 104 f)






(...) Hunger, Seuchen, Durst und armutsbedingte Lokalkonflikte zerstören jedes Jahr fast genauso viele Männer, Frauen und Kinder wie der Zweite Weltkrieg in sechs Jahren. Für die Menschen der Dritten Welt ist der Dritte Weltkrieg unzweifelhaft in vollem Gang. Einige deutsche Ökonomen haben einen neuen Begriff geprägt: »Killerkapitalismus«." Und so funktioniert dieser Kapitalismus neuen Typs:






1. Die Staaten der Dritten Welt bekämpfen sich untereinander, um die produktiven Investitionen zu ergattern, die von ausländischen Dienstleistungsunternehmen kontrolliert werden. Um diese Schlacht zu gewinnen, schränken sie bedenkenlos den sozialen Schutz, die gewerkschaftlichen Freiheiten und den ohnedies schon geringen Verhandlungsspielraum der einheimischen Lohnempfänger ein.






2. Besonders in Europa gehen Industrieunternehmen usw. immer mehr dazu über, Geräte, Laboratorien und Forschungszentren ins Ausland zu verlegen. Diese Auslagerung macht sich häufig so genannte »Sonderproduktionszonen« zunutze, wo ein Schutz der Arbeiter unbekannt ist und die Löhne miserabel sind. Die bloße Androhung der Auslagerung hat eine unglaublich obszöne Rückwirkung: Sie veranlasst den Ursprungsstaat, immer mehr Forderungen des Kapitals nachzugeben, einem Abbau des sozialen Schutzes (Entlassungen, Deregulierungen) zuzustimmen, also mit einem Wort den heimischen Arbeitsmarkt durch »Verflüssigung« unsicherer zu machen.






3. Die Arbeitnehmer aller Länder treten damit in einen Wettbewerb jeder gegen jeden ein. Es handelt sich für jeden und jede darum, eine Beschäftigung und ein Einkommen für die eigene Familie zu ergattern. Diese Situation bewirkt eine zügellose Konkurrenz unter den verschiedenen Kategorien von Arbeitnehmern, ihre politische Lähmung, den Tod der Gewerkschaftsbewegung – mit einem Wort die schmähliche, oft sogar verzweifelte Einwilligung des arbeitenden Menschen in die Zerstörung seiner eigenen Würde.






4. Im Inneren der europäischen Demokratien gibt es den unübersehbaren Bruch zwischen denen, die Arbeit haben und sie mit allen Mitteln zu behalten suchen, und denen' die keine Arbeit mehr haben, aller Voraussicht nach auch nie mehr bekommen und von den Arbeitsplatzbesitzern bekämpft werden. Die Solidarität der Arbeitnehmer ist zerrüttet. Weiteres Phänomen: Zwischen öffentlicher Funktion und privatem Sektor tut sich ein Gegensatz auf. Letztes und gravierendstes Phänomen: Der einheimische Arbeiter beginnt häufig, den eingewanderten Arbeiter zu hassen. Und die Folge ist Rassismus.









Aus: Statt eines Nachwort: Morgenröte (Seite 285 ff)






Im New York Times Magazine verlangt Thomas Friedman von den Kombattanten der Hoffnung ein detailliertes Programm und eine Erklärung über die einzelnen Etappen seiner Verwirklichung. Das Weltwirtschaftsforum stößt in dasselbe Horn. Sein Präsident Klaus Schwab will sofort die genauen Entwürfe für die »andere Welt« kennen lernen und ermahnt die Bewegungen, ihr Programm vorzustellen; anders sei »kein Dialog« möglich.






Die Antwort bestand darin, dass im Jahr 2002 rund 60 000 Männer und Frauen, von fünf Kontinenten und stellvertretend für über 2000 verschiedene soziale Bewegungen, im brasilianischen Porto Alegre zum zweiten Weltsozialforum zusammenkamen. Sie forderten die Abschaffung des IWF und der WTO, die Bekämpfung der Steuerparadiese und der Rating-Agenturen und die Unabhängigkeit der Zentralbanken, die Schließung der Agrar-Rohstoffbörse von Chicago, das Verbot von Patenten auf lebende Organismen und genmanipulierte Organismen, bedingungslosen Schuldenerlass für die Länder der Dritten Welt, Einführung der Tobin-Steuer und staatliche Kontrolle von Unternehmensfusionen, Gründung eines UNO-Sicherheitsrats für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten, Einforderung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte und deren Überführung in das nationale Recht.






Die brüderliche und solidarische, freiere und gerechtere Zivilgesellschaft, die auf einem von allen Beutejägern befreiten Planeten entstehen wird – sie ist im Werden begriffen. Wie sie aussehen wird, vermag niemand zu sagen. Die Kombattanten der Hoffnung wissen nur mit Gewissheit, was sie nicht wollen – aber damit endet die Gewissheit auch schon.






Am Morgen des 14. Juli 1789 belagerten zwei Abteilungen der Bürgermiliz die Bastille, die königliche Zwingburg im Herzen von Paris. Mit ihren 25 Meter breiten Wassergräben und ihren 30 Meter hohen Mauern trotzte sie dem Ansturm des Volks. Aus dem ganzen Faubourg Saint-Antoine strömten Handwerker herbei. Und nun beschafften die Bürger fünf Geschütze, die vor dem Tor der Festung in Stellung gebracht wurden.






Der Befehlshaber der Festung, Marquis de Launay, kapitulierte. Er ließ die Zugbrücke herab.






Das Volk stürmte über die Brücke, befreite die Gefangenen, massakrierte den Marquis und zerstörte die Festung.






Wer hätte die Folgen ahnen können?









Walt Whitman schrieb diesen Vers: »He awoke at dawn and went into the rising sun... limping« (er erwachte in der Morgendämmerung und ging der Sonne entgegen ... hinkend).






Millionen von Menschen überall auf der Welt erwachen jetzt.






Sie nehmen die Privatisierung der Welt nicht hin. Sie haben beschlossen, sich zu organisieren, für eine andere Welt zu kämpfen.






Der gewaltige Zug der Aufständischen hat sich in Bewegung gesetzt. Er schreitet voran. Ins Ungewisse, hinkend.






Die Befreiung der Freiheit im Menschen ist sein Horizont.






Die Legitimität der Bewegung ist unbestreitbar. Sie spricht im Namen der Millionen Opfer, die in Jahrhunderten gefallen sind. Das unsichtbare Heer der Märtyrer begleitet sie.






Gilles Perrault beschreibt sie so: »Dieses unübersehbare Heer der Opfer, deportiert von Afrika nach Amerika, zerfetzt in den Schützengräben eines wahnsinnigen Krieges, lebendig verbrannt vom Napalm, zu Tode gefoltert in den Kerkern der Wachhunde des Kapitals, füsiliert am Mur des Fédérés, füsiliert in Fourmies, füsiliert in Sétif, zu Hunderttausenden hingemetzelt in Indonesien, praktisch ausgerottet wie die Indianer Amerikas, massenhaft ermordet in China, zur Sicherung des freien Opiumhandels ... Sie alle haben die Fackel der Revolte des in seiner Würde gekränkten Menschen weitergereicht in die Hände der Lebenden. In die bald ermüdenden Hände jener Kinder der Dritten Welt, welche die Unterernährung, Tag für Tag, zu Zehntausenden tötet, in die abgemagerten Hände der Völker, dazu verurteilt, die Zinsen für eine Schuld zu zahlen, deren Kapital ihre Führungsmarionetten ihnen gestohlen haben, in die zitternden Hände jener immer zahlreicher werdenden Ausgegrenzten, die an den Rändern des Wohlstands vegetieren müssen [...]. Hände von einer tragischen Schwäche, und fürs erste noch unvereinigt. Aber sie können nicht anders, als sich eines Tages zu vereinen. Und an diesem Tag wird die Fackel, die sie tragen, einen Brand entfachen, der die alte Welt in Schutt und Asche legen wird.«


Siehe auch:


Jean Ziegler: Woher kommt der Hunger in der Welt? (1999)



Jean Ziegler: Das Imperium der Schande (2005)



Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen (2009)



Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern (2012)



Jean Ziegler: Ändere die Welt! (2015)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 1.4.1999



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