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Jean Ziegler
Das Imperium der Schande

Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung

München 2005 (Bertelsmann Verlag); 316 Seiten; ISBN 3-570-00878-9 (ISBN-13: 978-3-570-00878-2)
Originalausgabe: »L'Empire de la honte« (Paris 2005)








Die Aufklärung – die Ideen der Philosophen des 18. Jahrhunderts – barg eine ungeheure Hoffnung. Sie öffnete den Horizont auf eine menschliche Existenz ohne Not, ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Heute, über zwei Jahrhunderte später, könnte die Menschheit endlich über die Mittel verfügen, um diesen Ideen materielle Geltung zu verschaffen. Doch die Realität sieht anders aus: Hunger und Elend sind schlimmer als je zuvor. Eine neue Klasse von Feudalherrschern, die Kosmokraten der großen Konzerne, maßt sich an, der Welt ihr Gesetz aufzuzwingen.




Zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehört seit der Amerikanischen und der Französischen Revolution auch das „Recht auf das gemeinsame Glück“. Zur Zeit der Aufklärung waren jedoch die Produktivkräfte wenig entwickelt und das Recht auf Glück deshalb eine Utopie. Seither haben industrielle, technologische und wissenschaftliche Fortschritte eine unglaubliche Steigerung der Produktivkräfte ermöglicht. Nie war die Menschheit reicher. Gleichzeitig aber hat ein rapide um sich greifender Prozess der Refeudalisierung eingesetzt. Die transkontinentalen Konzerne dehnen ihre Macht über den Planeten aus und fahren astronomische Gewinne ein. Im Jahr 2004 kontrollierten die 500 größten Konzerne 52 Prozent aller auf der Welt produzierten Güter. Das internationale Recht, die UNO und die demokratisch gewählten Regierungen sind weitgehend geschwächt und ihrer Gestaltungskraft beraubt. Nie waren Elend und Hunger größer. 100 000 Menschen sterben täglich am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. In den Ländern der Dritten Welt rackern sich die Menschen buchstäblich zu Tode, um die Schuldenberge abzutragen, die von korrupten Diktatoren in Komplizenschaft mit den Konzernfürsten des Nordens angehäuft wurden.




In der Ordnung des globalisierten Kapitalismus, der dank Hunger und Schuld prosperiert, sind die Handlungsmöglichkeiten beschränkt. Entweder verhält sich der Kosmokrat wie ein Mensch, der mit anderen Menschen solidarisch ist... und sein Reich bricht zusammen. Oder er schickt jedes Mitgefühl und jede Sympathie zum Teufel, verhält sich wie ein wilder und zynischer Beutejäger... und die Kapitalrendite steigt, die Profite klettern in den Himmel, und unter seinen Füßen werden die Massengräber immer tiefer. – Eine andere Wahl gibt es kaum. Und in Anbetracht der stattlichen persönlichen Gewinne, die den Fürsten aus ihrer Aktivität zufließen, ist es für sie nicht sehr verlockend, den Weg des Mitgefühls einzuschlagen und aus dem Spiel auszusteigen.“ (Seite 229f, Kapitel: „Die Refeudalisierung der Welt“)




Jean Ziegler fordert die Verwirklichung des Menschenrechts auf Glück. Er hält dem globalisierten Raubtierkapitalismus den Spiegel vor. Das lähmende Gefühl der Schande, das wir alle empfinden angesichts von Hunger und Armut, kann umschlagen und zu einer Macht der Veränderung werden.


Jean Ziegler


geboren 1934 im schweizerischen Thun, lehrt Soziologie an der Universität Genf, ist ständiger Gastprofessor an der Sorbonne/Paris und UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Jean Ziegler wurde in jungen Jahren geprägt von seiner Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie durch einen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UN-Experte nach der Ermordung Patrice Lumumbas. – Bis 1999 Nationalrat im Schweizer Parlament. Hat sich als Schriftsteller, der unbequeme Wahrheiten ans Licht der Öffentlichkeit bringt, einen Namen gemacht. Seine ebenso unbestechlichen wie engagierten Bücher (z.B. „Die Schweiz wäscht weißer“; „Die Schweiz, das Gold und die Toten“; „Die Barbaren kommen. Kapitalismus und organisiertes Verbrechen“; „Wie kommt der Hunger in die Welt?“) haben heftige Diskussionen und Skandale ausgelöst und ihm internationales Ansehen, in seinem eigenen Land jedoch den Ruf des Nestbeschmutzers eingetragen.






"Ich habe mir geschworen, nie wieder, auch nicht zufällig, auf der Seite der Henker zu stehen." (J. Ziegler)


Inhaltsverzeichnis


Vorwort: Aufklärung






TEIL I: Das Recht auf Glück



1. Das Hirngespinnst der Freiheit



2. Der organisierte Mangel



3. Die strukturelle Gewalt



4. Die Agonie des Rechts



5. Die Barbarei und ihr Spiegel






TEIL II: Massenvernichtungswaffen



1. Die Verschuldung



2. Der Hunger






TEIL III: Äthiopien – Die Erschöpfung und die Solidarität



1. Alem Tsehaye



2. Die grüne Hungersnot



3. Der Widerstand






TEIL IV: Brasilien – Die Wege der Befreiung



1. Lula



2. Programa fome zero



3. Das Gespenst Salvador Allendes






TEIL V: Die Refeudalisierung der Welt



1. Die neuen Feudalherren



2. Die Straffreiheit



3. Die unlautere Konkurrenz des Lebendigen



4. Die Krake von Vevey



5. Die Gewerkschaften zerschlagen



6. Die fetten Kühe sind unsterblich



7. Die Arroganz



8. Menschenrechte, schön und gut, aber der Markt ist besser!






Nachwort: Neu beginnen






Danksagung, Anmerkungen, Personen-, Sachregister


Leseprobe


Vorwort: Aufklärung






Im Jahr 1776 wurde Benjamin Franklin zum ersten Botschafter der jungen amerikanischen Republik in Frankreich ernannt. Er war siebzig. Franklin traf am 21. Dezember in Paris ein, er kam aus Nantes und hatte eine lange und gefährliche Atlantiküberquerung auf der Reprisal hinter sich.






Der große Gelehrte bezog ein bescheidenes Haus in Passy. Die Klatschjournalisten begannen rasch, sein Tun und Treiben genauestens zu verfolgen. Einer von La Gazette schreibt: „Niemand nennt ihn Monsieur... alle reden ihn ganz einfach mit Doktor Franklin an ... wie man es mit Platon oder Sokrates getan hätte.“ Bei einem anderen heißt es: „Prometheus war letztlich nur ein Mensch. Benjamin Franklin ebenfalls... aber was für Menschen!“ (1) Voltaire, der mit seinen 84 Jahren praktisch nicht mehr außer Haus ging, begab sich in die königliche Akademie, um ihn dort feierlich zu empfangen.






Franklin, mit Thomas Jefferson Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die am 4. Juli 1776 in Philadelphia unterzeichnet worden war, genoss in den revolutionären Zirkeln und in den literarischen Salons von Paris einen immensen Ruf. Was stand in dieser Erklärung? Lesen wir die Präambel noch einmal:






Wir halten folgende Wahrheiten für unumstößlich (im Original: self evident): Alle Menschen wurden in Gleichheit erschaffen; der Schöpfer hat ihnen unveräußerliche Rechte gegeben, deren erste da sind: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf das Streben nach Glück (im Original: pursuit of happiness) [...] Um den Genuss dieser Rechte zu sichern, haben sich die Menschen Regierungen gegeben. Deren Legitimität beruht auf der Zustimmung der Bürger [...] Wenn eine Regierung, was immer auch ihre Form sein mag, sich von diesen Zielen entfernt, hat das Volk das Recht, sie zu stürzen und eine neue Regierung einzusetzen und sie so zu organisieren, dass sie den Bürgern die Sicherheit und das Streben nach Glück gewährleistet.“ (2)






Das mitten im Viertel Saint-Germain-des-Prés gelegene Café Procope war der bevorzugte Treffpunkt der jungen Revolutionäre. Dort hielten sie ihre Sitzungen ab und feierten ihre Feste. Benjamin Franklin speiste dort häufig in Gesellschaft der schönen und geistreichen Madame Brillon. Eines Abends trat ein zwanzigjähriger Anwalt namens Georges Danton an Franklins Tisch. Lautstark beschimpfte er den Speisenden: „Die Welt ist nichts als Ungerechtigkeit und Elend. Wo bleibt die Sanktion? Hinter Eurer Erklärung, Herr Franklin, steht keinerlei Justiz – oder Militärgewalt, die ihr Respekt verschaffen könnte...“ Franklin antwortete ihm: „Irrtum! Hinter dieser Erklärung steht eine beträchtliche, unvergängliche Macht: die Macht der Schande (the power of shame).“









Im französischen Wörterbuch Petit Robert kann man zu dem Worte „Schande“ Folgendes lesen: „Demütigende Unehre. Peinliches Gefühl der Minderwertigkeit, der Unwürdigkeit oder der Erniedrigung gegenüber einem anderen, der Herabsetzung in der Meinung der anderen (Gefühl der Entehrung). Gefühl des Unbehagens aufgrund von Gewissensskrupeln.“






Im Deutschen unterscheidet man zwischen Scham und Schande. Ich empfinde Scham über die Schmach, die dem andern angetan wird, und Schande über meine davon befleckte Ehre, ein Mensch zu sein...






Diese Gefühle und die von ihnen ausgelösten Emotionen sind den Hungernden im bairo von Pela Porco in Salvador de Bahia bestens bekannt: „Precio tirar la vergonha de catar no lixo...“ („Ich muss meine Scham überwinden, um in den Mülltonnen zu wühlen...“)






Wenn es dem Hungernden nicht gelingt, seine Scham zu überwinden, dann stirbt er. Es kommt vor, dass brasilianische Kinder sich in der Schule aufgrund von Blutarmut nicht auf den Beinen halten können. Auf den Baustellen erleiden Arbeiter Schwächeanfälle infolge von Unterernährung. In den Elendsvierteln Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, die von den Vereinten Nationen schamhaft als „ungesunde Behausungen“ bezeichnet werden, dort, wo 40% der Weltbevölkerung leben, machen Ratten den Hausfrauen die magere Kost der Familie streitig. Ein quälendes Gefühl der Minderwertigkeit peinigt die Bewohner.






Die Hungergestalten, die auf den Straßen der Riesenstädte Südasiens und Schwarzafrikas umherirren, verspüren ebenfalls die Pein der Schande.






Das Gefühl der Ehrlosigkeit verbietet es dem Arbeitslosen in Lumpen, die Viertel der Reichen zu betreten, wo er vielleicht doch eine Arbeit finden könnte, um sich und seine Familie zu ernähren. Die Scham hält ihn davon ab, sich den Blicken der Passanten auszusetzen.






In den favelas im Norden Brasiliens kommt es häufig vor, dass die Mütter abends in einem Topf Wasser zum Kochen aufsetzen und Steine hineinlegen. Ihren vor Hunger weinenden Kindern sagen sie: „Das Essen ist gleich fertig...“, in der Hoffnung, dass die Kinder bald einschlafen werden. Kann man die Scham ermessen, die eine Mutter gegenüber ihren vom Hunger geplagten Kindern empfindet, die sie nicht ernähren kann?









Als Halbwüchsiger ist Edmond Kaiser den Schergen des Vichy-Regimes und der Deportation entkommen. Als militärischer Untersuchungsrichter in der Armee von General Leclerc erfuhr er im EIsass und dann in Deutschland das Grauen der Konzentrationslager. Er emigrierte nach Lausanne und gründete dort die internationale Kinderhilfsorganisation Terre des hommes. Er starb mit 82, an der Schwelle zum neuen Jahrtausend, in einem Waisenheim in Südindien. (3)






Edmond Kaiser schreibt: „Würde man den Deckel vom Kessel der Welt heben, so würden Himmel und Erde zurückweichen vor diesem Wehgeschrei. Denn weder die Erde noch der Himmel, noch irgendeiner von uns vermag wirklich das entsetzliche Ausmaß des Leidens der Kinder zu ermessen, noch die Wucht der Gewalten, von denen sie zermalmt werden.“ (4)






Viele Westeuropäer, die genau Bescheid wissen über das Leiden hungernder Afrikaner oder arbeitsloser Pakistani, ertragen in ihrem tiefsten Inneren nur schwer die tagtägliche Komplizenschaft mit der kannibalischen Weltordnung. Sie empfinden ein Gefühl der Schande, das sogleich von einem Gefühl der Ohnmacht überdeckt wird. Aber nur wenige finden den Mut – wie Edmond Kaiser – sich gegen diesen Stand der Dinge aufzulehnen. Sie erliegen der Versuchung, sich an rechtfertigende Erklärungen zu klammern, um ihr Gewissen zu besänftigen.






Die stark verschuldeten Völker Afrikas seien „faul“, heißt es immer wieder, „korrumpiert“, „unverantwortlich“, unfähig, eine autonome Wirtschaft auf die Beine zu bringen, „geborene Schuldner“ und naturgemäß zahlungsunfähig. Was den Hunger betrifft, so wird die Schuld oft dem Klima gegeben, wo doch die klimatischen Bedingungen in der nördlichen Hemisphäre – wo die Menschen zu essen haben – oft weitaus härter sind als in der südlichen, wo sie an Unterernährung und Hunger zugrunde gehen.






Doch die Schande verschont auch die Herrscher nicht. Sie sind sich der Konsequenzen ihres Handelns vollkommen bewusst: Sie wissen genau um die Zerstörung der Familien, das Martyrium der unterbezahlten Arbeiter und die Verzweiflung der „unrentablen“ Völker.






Es gibt sogar Indizien, die ihr Unbehagen belegen. Daniel \/asella, der Fürst von Novartis, dem Schweizer Pharmariesen, lässt gerade in Singapur das Novartis Institute for Tropical Deseases (NITD) (5) bauen, das in begrenzter Menge Pillen gegen Malaria herstellen soll, ein Medikament, das in den mittellosen Ländern zum Selbstkostenpreis verkauft werden soll. Der Herrscher über Nestlé, Peter Brabeck-Lemathe, übergibt jedem seiner 275 000 Angestellten, die in 86 Ländern tätig sind, eine eigenhändig redigierte „Bibel“, in der sie aufgefordert werden, sich gegenüber den Völkern, die sie ausbeuten, menschlich und „wohltätig“ zu verhalten. (6)






Für Immanuel Kant entspringt das Gefühl der Schande der Entehrung. Es bringt die Empörung über ein Verhalten zum Ausdruck, über eine Situation, über erniedrigende, herabwürdigende und niederträchtige Taten und Absichten, die im Widerspruch stehen zu einem ursprünglichen, „jedem Menschen, kraft seiner Menschheit, zustehende[n] Recht“.






Das Imperium der Schande eröffnet nur eine Perspektive: die Unehre, die jedem Menschen aufgebürdet wird aufgrund des Leids seiner Mitmenschen.









In der Nacht des 4. August 1789 haben die Abgeordneten der Nationalversammlung das Feudalsystem in Frankreich abgeschafft. Heute müssen wir mit ansehen, wie die Welt von neuem feudalisiert wird. Die despotischen Herrscher sind wieder da. Die neuen kapitalistischen Feudalsysteme besitzen nunmehr eine Macht, die kein Kaiser, kein König, kein Papst vor ihnen je besessen hat.






Die 500 mächtigsten transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften der Welt – in der Industrie, im Handel, in den Dienstleistungen, im Bankwesen – kontrollierten im Jahr 2004 52% des Weltsozialprodukts, mit anderen Worten: mehr als die Hälfte aller Güter, die auf unserem Planeten innerhalb eines Jahres erwirtschaftet werden.






Ja, der Hunger, das Elend, die Unterdrückung der Armen sind entsetzlicher als je zuvor.






Die Attentate vom 11. September 2001 in New York, Washington und Pennsylvania haben eine dramatische Beschleunigung dieses Prozesses der Refeudalisierung bewirkt. Sie waren für die neuen Despoten der Anlass, die Welt in Besitz zu nehmen. Sich der Ressourcen zu bemächtigen, die für die Glückseligkeit der Menschheit notwendig sind. Die Demokratie zu vernichten.






Die letzten Dämme der Zivilisation drohen zu brechen. Das internationale Recht liegt in den letzten Zügen. Die Organisation der Vereinten Nationen und ihr Generalsekretär werden rüde behandelt und diffamiert. Die kosmokratische Barbarei kommt mit Riesenschritten voran. Aus dieser neuen Realität ist dieses Buch hervorgegangen.









Das Gefühl der Schande ist eines der konstitutiven Elemente der Moral. Es ist untrennbar verbunden mit dem Bewusstsein der Identität, das selbst wieder konstitutiv ist für das menschliche Wesen. Wenn ein Mensch verletzt ist, wenn er Hunger hat, wenn er – an Körper und Geist – die Demütigung des Elends erleidet, empfindet er Schmerz. Als Zeuge des Leids, das einem anderen Menschen zugefügt wird, empfinde ich in meinem Bewusstsein seinen Schmerz, und dieser Schmerz erweckt mein Mitgefühl, löst einen Impuls der Fürsorglichkeit aus und überhäuft mich mit Schande. Und drängt mich zur Tat.






Meine Intuition, meine Vernunft und mein moralischer Imperativ sagen mir, dass jeder Mensch ein Anrecht hat auf Arbeit, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Freiheit und Glück.









Wenn nun das Bewusstsein der Identität in jedem Menschen vorhanden ist, also auch bei den Kosmokraten, wie kommt es dann, dass Letztere auf so verheerende Weise agieren? Wie lässt sich erklären, dass sie mit solchem Zynismus, solcher Verbissenheit und mit so viel Gerissenheit die elementarsten Bestrebungen nach Glück bekämpfen?






Sie sind in diesem grundlegenden Widerspruch gefangen: ein Mensch zu sein, nichts als ein Mensch, oder sich zu bereichern, die Märkte zu beherrschen, Allmacht auszuüben, zum Herrscher zu werden. Im Namen des wirtschaftlichen Krieges, den sie selbst permanent ihren möglichen Konkurrenten erklären, verkünden sie den Notstand. Sie führen ein Ausnahmeregime ein, das sich über die allgemeine Moral hinwegsetzt. Und sie setzen, manchmal vielleicht ungern, die (doch von allen Nationen der Erde gutgeheißenen) grundlegenden Menschenrechte außer Kraft, die (doch in der Demokratie garantierten) moralischen Regeln und die ganz normalen Gefühle (denen sie nur mehr im Familien- oder Freundeskreis Ausdruck geben).






Wenn ich Mitgefühl empfinde, wenn ich Solidarität einem andern gegenüber an den Tag lege, dann wird mein Konkurrent sofort von meiner Schwäche profitieren. Er wird mich vernichten. Folglich bin ich gegen meinen Willen und zu meiner großen (verdrängten) Schande Tag und Nacht in jedem Augenblick gezwungen, gleichgültig, wie hoch der menschliche Preis dafür ist, die Maximierung von Profit und Akkumulation zu praktizieren und für den höchsten Mehrwert in der kürzesten Zeitspanne und zum niedrigstmöglichen Selbstkostenpreis zu sorgen.






Der permanente wirtschaftliche Krieg fordert Opfer wie jeder Krieg. Doch dieser Krieg scheint so programmiert zu sein, dass er niemals endet.









Allerlei Theorien und fadenscheinige Ideologien verdunkeln das Bewusstsein der Männer und Frauen guten Willens in der westlichen Welt. Deshalb halten viele unter ihnen die derzeitige kannibalische Weltordnung für unabänderlich. Dieser Glaube hindert sie daran, die Schande, die sie tief in ihrem Inneren verspüren, in Aktionen der Solidarität und der Revolte umzuwandeln.






Also gilt es zunächst einmal, diese Theorien zu bekämpfen.






Die historische Mission der Revolutionäre, wie sie von den Enragés (7) 1793 formuliert wurde, besteht darin, für eine erdumspannende soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Für sie geht es darum, die verhaltene Wut zu wecken und den Sinn für kollektiven demokratischen Widerstand zu nähren. Man muss die Welt wieder auf die Beine stellen, den Kopf oben, die Füße unten. Man muss die unsichtbare Hand des Marktes zermalmen. Die Wirtschaft ist kein natürliches Phänomen. Sie ist ein Instrument, das es in den Dienst eines einzigen Zwecks zu stellen gilt: dem Streben nach dem gemeinsamen Glück.






Wenn der von Scham erfüllte und vom Gefühl seiner Unterlegenheit und Unwürdigkeit gelähmte Mensch der Dritten Welt entdeckt, dass weder der Hunger noch die Verschuldung unvermeidlich sind, kann auch er sein Bewusstsein ändern und sich erheben. Der Hungernde, der Arbeitslose, der gedemütigte Mensch, der an seiner Entehrung leidet, schluckt seine Scham so lange hinunter, wie er glaubt, seine Lage sei unabänderlich. Er verwandelt sich in einen Kämpfer, in einen Aufständischen, sobald er einen Hoffnungsschimmer sieht und die vermeintliche Fatalität die ersten Risse zeigt. Dann wird das Opfer zum Akteur seines Schicksals. Dieses Buch möchte dazu beitragen, diesen Prozess in Gang zu setzen.






Benjamin Franklin und Thomas Jefferson haben als Erste das Recht des Menschen auf das Streben nach Glück formuliert. Ihre Forderung, die von Jacques Roux und seinen Anhängern aufgegriffen wurde, ist zum wesentlichen Antrieb der Französischen Revolution geworden. Für sie bedeutete die Suche nach dem individuellen und gemeinsamen Glück ein konkretes politisches, unmittelbar umsetzbares Projekt.









Welche Hindernisse stellen sich heute der Verwirklichung des Menschenrechts auf das Streben nach Glück entgegen? Wie kann man diese Hindernisse zerschlagen? Wie kann man dafür sorgen, dass sich das Streben nach gemeinschaftlichem Glück frei entfalten kann? Dieses Buch versucht, diese Fragen zu beantworten.






Hier nun sein Aufbau.






Die Französische Revolution stellt in der Universalgeschichte der Ideen einen radikalen Bruch dar. Sie hat die philosophischen Lehren der Aufklärung und des alle Fesseln sprengenden Rationalismus politisch umgesetzt. Einige ihrer wichtigsten Akteure, insbesondere die Enragés, haben den Horizont aller gegenwärtigen und künftigen Kämpfe für die weltweite soziale Gerechtigkeit abgesteckt. Der erste Teil des Buches erteilt ihnen das Wort unter dem Titel „Das Recht auf Glück“. Aber er beschreibt auch die derzeit vor sich gehende Refeudalisierung der Welt, die von den transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften betrieben wird, sowie die von ihnen eingerichtete Herrschaft der strukturellen Gewalt und die erst schemenhaft sichtbaren Kräfte, die sich gegen sie erheben. Ein längerer Abschnitt befasst sich mit der Agonie des internationalen Rechts.






Der zweite Teil beschäftigt sich mit den generellen Beziehungen von Ursache und Wirkung zwischen Verschuldung und Hunger, diesen Massenvernichtungswaffen, die gegen die Schwächsten eingesetzt werden. Der Hunger? Er könnte in absehbarer Zeit besiegt werden, indem man denjenigen, die diese Waffen einsetzen, bestimmte Maßnahmen aufzwingt.






Das äthiopische Volk leidet unter einer chronischen Hungersnot und dem Preisverfall des einzigen Exportguts, für welches es Devisen erzielen kann – der Kaffeebohnen –, aber es organisiert sich. In Brasilien, am anderen Ende der Welt, ist eine stille RevoIution im Gange: Dieses Land, ebenfalls Opfer der Unterernährung eines großen Teils seiner Bevölkerung und einer erdrückenden Verschuldung, steht im Begriff, völlig neue Instrumente der Befreiung zu entwickeln. Im dritten und vierten Teil gehe ich auf diese neuen Methoden des Kampfes ein.






Die transkontinentalen Privatgesellschaften, die das mächtigste Kapital und die leistungsstärksten Technologien und Laboratorien besitzen, die die Menschheit je gesehen hat, sind das Rückgrat dieser ungerechten und todbringenden Ordnung. Im fünften Teil meines Buches beleuchte ich ihre jüngsten Praktiken.






Aus der Erkenntnis entspringt der Kampf, aus dem Kampf entspringen die Freiheit und die materiellen Voraussetzungen für das Streben nach Glück. Die Zerstörung der kannibalischen Weltordnung ist die Sache der Völker. Der französische Philosoph Régis Debray schreibt: „Die Aufgabe des Intellektuellen besteht darin zu sagen, was ist. Seine Aufgabe ist es nicht zu verführen, sondern zu bewaffnen.“ (8) Hören wir Gracchus Babeuf, der in seiner berühmten Rede nach dem Massaker auf dem Marsfeld in Paris ausrief:






Ihr Niederträchtigen, ihr schreit, man müsse den Bürgerkrieg verhindern, man dürfe die Fackel der Zwietracht nicht unter das Volk werfen. Und welcher Bürgerkrieg ist empörender als derjenige, der alle Mörder auf einer Seite und alle wehrlosen Opfer auf der andern präsentiert!






Möge der Kampf beginnen um das berühmte Kapitel der Gleichheit und des Eigentums!






Möge das Volk alle alten barbarischen Institutionen stürzen! Möge der Krieg des Reichen gegen den Armen endlich diesen Anschein großer Kühnheit auf der einen und großer Feigheit auf der andern Seite einbüßen. Ja, ich wiederhole, alle Missstände sind auf ihrem Gipfel, sie können sich nicht verschlimmern. Sie können nur durch einen totalen Umsturz beseitigt werden.“ (9)






Ich möchte dazu beitragen, das Bewusstsein für die Notwendigkeit dieses Umsturzes zu schärfen.









ANMERKUNGEN






(1) Vgl. H.W.Brands, The First Americans. The Life and Times of Benjamin Franklin, New York 2002, S. 258. Walter Isaacson, Benjamin Franklin. An American Life, New York 2004, insbesondere das Kapitel Bon vivans in Paris, S. 350f.






(2) Das „Bestreben nach Glückseligkeit“ (pursuit of happiness) wird zum ersten Mal in der Unabhängigkeitserklärung des Staates Virginia erwähnt, die abgefasst wurde, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Sie entstand einen Monat vor der Erklärung von Philadelphia und diente ihr als Vorbild.






(3) Er war hingefahren, wie er mir in unserem letzten Gespräch gesagt hatte, „um die Kleinen zu trösten“. „Ich habe nicht mehr die Kraft, ihre Lebensbedingungen zu ändern“, hatte er hinzugefügt.






(4) Edmond Kaiser, Dossier Noir/Blanc, Lausanne 1999.






(5) Zum NITD vgl. S. 227f.






(6) Peter Brabeck-Lemathe, Die grundlegenden Management- und Führungsprinzipien von Nestlé, Vevey 2003. Vgl. auch S. 259-265.






(7) Die radikalen Anhänger des Ex-Priesters Jacque Roux wurden so genannt. Das französische Wort enragé bedeutet: in Rage, vor Wut außer sich sein. Von Februar bis September 1793 beeinflusste diese Gruppierung Sansculottenbewegung nachhaltig. Ihre Forderungen waren: Gleichheit, Unterbindung der Spekulation, Bestrafung der Spekulanten und Wucherer.






(8) Régis Debray, Modeste contribution à la célébration du dixième anniveraire, Paris 1978.






(9) Albert Soboul, Inventaire des manuscrits et imprimés de Babeuf, Paris 1966. Vgl. auch A.Maillard, C.Mazauric, E.Walter (Hrsg.), Textes choisis, Paris 1995.






Aus dem Nachwort






Mit der Französischen Revolution hat der lange Marsch in Richtung politische Demokratie begonnen. Er hat die industrielle Revolution und die koloniale Expansion begleitet. Die Nationalstaaten wurden durch ihn gefestigt.






Im 20. Jahrhundert haben zuerst der Völkerbund und dann die Vereinten Nationen versucht, den universellen Frieden zu gewährleisten. Die Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 greift fast wortwörtlich manche Formulierungen der Erklärung von 1789 auf.






Gegen Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind andere Fortschritte gemacht worden. Die politische Demokratie ist in Europa gefestigt worden, aber auch in manchen Ländern der südlichen Hemisphäre. Die Dekolonisation hat beträchtliche Fortschritte gemacht. Die Gleichwertigkeit aller Kulturen der Erde wurde verkündet. Die Diskriminierung der Frauen ist zurückgegangen. In mehreren Regionen der Welt haben sich die Produktivkräfte enorm entwickelt ...






Und jetzt?






Wir erleiden die entsetzlichste Offensive, die sich noch vor fünf Jahren niemand hätte vorstellen können.






Kein Nationalstaat, keine übernationale Organisation, keine demokratische Bewegung widersteht dieser Offensive.






Die Herren des wirtschaftlichen Krieges schröpfen systematisch den Planeten. Sie greifen die Staaten und deren normative Macht an, sie bestreiten die Souveränität des Volkes, sie untergraben die Demokratie, sie verheeren die Natur und vernichten die Menschen und deren Freiheiten.






Sie bestreiten radikal das Menschenrecht auf das Streben nach Glück.






Keine bestehende Gegenmacht – weder eine staatliche noch eine gewerkschaftliche – ist in der Lage, ihre Allmacht herauszufordern. Auf den Straßen von New Delhi flehen tausende Frauen und Kinder, die durch die Wolke von Bhopal blind geworden sind, die Passanten um Almosen an. Während die Herrscher von Dow Chemical sich in ihrem Wolkenkratzer in Midland in Michigan verbarrikadieren.






(...)






Bevor das Jahr endet, in dem ich dieses Buch schreibe, werden 36 Millionen Menschen unter entsetzlichen Schmerzen an Hunger oder an den Folgen von Krankheiten, die unmittelbar durch ihn bedingt sind, zugrunde gehen. Mangels Medikamenten werden weitere Dutzende Millionen Personen von Seuchen gepeinigt werden, die von der Medizin schon seit langem besiegt sind. Verschmutztes Wasser wird neun Millionen Kinder unter zehn Jahren vernichtet haben.






Die schmutzige Behausung, die Ratten, die Verzweiflung, der Dreck werden für Millionen Mütter in den smokey mountains in Manila, in den calampas in Lima, in den Slums von Dacca, in den favelas der Baixada fluminense in Rio de Janeiro das Leben unerträglich gemacht haben.






Die permanente Arbeitslosigkeit und die Angst vor dem nächsten Tag werden die Würde von hunderttausenden Familienvätern in Ulan-Bator und in Soweto gebrochen haben.






Warum sie und nicht ich?






Jedes der Opfer könnte meine Frau, mein Sohn, meine Mutter, ein Freund sein – Menschen, die mein Leben ausmachen und die ich liebe.






Diese alljährlich millionenfach massakrierten Menschen sind die Opfer dessen, was Babeuf als „die groben Gesetze“ bezeichnet.






Und nichts anderes als der Zufall der Geburt trennt mich von diesen Gekreuzigten.






(...)






Ich bin kein Gewerkschafter und auch kein Anführer einer Befreiungsbewegung, sondern ein Intellektueller von höchst begrenztem Einfluss.






Mein Buch stellt eine Diagnose.






Die Zerstörung der kannibalischen Weltordnung ist die Sache der Völker. Der Krieg für die planetarische soziale Gerechtigkeit muss erst noch geführt werden.






Wie werden die Siege aussehen? Und wie die Niederlagen? Wie wird dieser letzte Kampf ausgehen? Heute kennt niemand die Antworten.






Eine Überzeugung sitzt allerdings tief in mir.






Alle diese künftigen Kämpfe werden ein Nachhall des Aufrufs von Gracchus Babeuf sein, des Anführers der Verschwörung der Gleichen, der am 27. Mai 1797 blutüberströmt zum Schaffott getragen wurde: „[...] Möge der Kampf beginnen über das berühmte Kapitel der Gleichheit und des Eigentums! Möge das Volk alle alten barbarischen Institutionen stürzen! Möge der Krieg des Reichen gegen den Armen endlich diesen Anschein großer Kühnheit auf der einen Seite und großer Feigheit auf der anderen einbüßen! [...] ja, ich wiederhole es, alle Missstände sind auf ihrem Gipfel, sie können sich nicht verschlimmern. Sie können nur durch einen totale Umsturz beseitigt werden.[...].






Fassen wir das Ziel der Gesellschaft ins Auge! Fassen wir das gemeinsame Glück ins Auge und ändern wir nach tausend Jahren diese groben Gesetze!“


Siehe auch:


Jean Ziegler: Woher kommt der Hunger in der Welt? (1999)



Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt – und ihre globalen Widersacher (2003)



Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen (2009)



Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern (2012)



Jean Ziegler: Ändere die Welt! (2015)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 1.4.1999



Interview in der Germanwatch-Zeitung 4/2005



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