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Jean Ziegler
Wie kommt der Hunger in die Welt?
Ein Gespräch mit meinem Sohn


Taschenbuchausgabe München 2006 (Goldmann); 170 Seiten; ISBN 3-442-15160-8
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „La faim dans le monde expliquée à mon fils“ 1999 in Paris








»Infolge der globalisierten, wild wütenden Kapitalmärkte ist eine Weltordnung entstanden, die den Lebensinteressen der großen Mehrheit zuwiderläuft. Von 6,2 Milliarden Menschen leben 4,8 in einem der 122 so genannten Entwicklungsländer, meist unter unwürdigen Bedingungen. 100 000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Dieser tägliche, stille Völkermord geschieht auf einem, Planeten, der von Reichtum überquillt. Dabei könnte die Erde problemlos 12 Milliarden Menschen hinreichend ernähren. Hunger ist kein Schicksal. Hinter jedem Opfer steht ein Mörder. Wer Geld hat, isst und lebt; wer keines hat, hungert, wird invalid oder stirbt.«


Jean Ziegler


geboren 1934 im schweizerischen Thun, lehrt Soziologie an der Universität Genf, ist ständiger Gastprofessor an der Sorbonne/Paris und UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Jean Ziegler wurde in jungen Jahren geprägt von seiner Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie durch einen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UN-Experte nach der Ermordung Patrice Lumumbas. – Bis 1999 Nationalrat im Schweizer Parlament. Hat sich als Schriftsteller, der unbequeme Wahrheiten ans Licht der Öffentlichkeit bringt, einen Namen gemacht. Seine ebenso unbestechlichen wie engagierten Bücher (z.B. „Die Schweiz wäscht weißer“; „Die Schweiz, das Gold und die Toten“; „Die Barbaren kommen. Kapitalismus und organisiertes Verbrechen“; „Wie kommt der Hunger in die Welt?“) haben heftige Diskussionen und Skandale ausgelöst und ihm internationales Ansehen, in seinem eigenen Land jedoch den Ruf des Nestbeschmutzers eingetragen.






"Ich habe mir geschworen, nie wieder, auch nicht zufällig, auf der Seite der Henker zu stehen." (J. Ziegler)


Inhaltsverzeichnis


Hauptteil (Nummerierte Abschnitte 1 – 28)



Epilog



Nachwort: Terrorismus und Hunger (im November 2001)
Gruben für die Kinderleichen – Es gibt keine Fatalität – Die Sharia jenseits des Flusses – Eine Bombe, ein Brot – Globalisierung ist täglicher Terror – Die Widerstandsfront


Leseprobe


1






Ist es nicht empörend, dass so viele Kinder in Afrika, Asien und Lateinamerika an Hunger sterben, während sich gleichzeitig die Menschen hier, bei uns in Europa den Bauch voll schlagen und immer dicker werden, dass die Geschäfte vor Nahrungsmitteln überquellen und dass man schließlich Lebensmittel in den Müll wirft, mit denen man viele hungernde Kinder ernähren könnte?

Du hast Recht, Karim. Der Skandal schreit zum Himmel, und da wir gerade im Frühling 2000 zusammen diskutieren, ist deine Empörung umso berechtigter: Fürchterliche Hungersnöte suchen dieser Tage verschiedene Weltgegenden heim, insbesondere das ostafrikanische Land Somalia.

Seit Tagen strahlt das Fernsehen in den Abendnachrichten die Bilder der somalischen Hungergestalten – Männer, Frauen und Kinder – aus, die auf ihren spindeldürren Beinen stolpernd aus dem Süden Somalias zu fliehen versuchen, ohne dass sich in Europa auch nur die geringste Anteilnahme regt. Hast du diese Bilder gesehen?

Deshalb sage ich ja, dass es empörend ist!

Weißt du, ich glaube, dass niemand bei uns im Westen, in den Ländern, in denen so viele Reiche leben, diese grauenvollen Bilder zur Kenntnis nimmt. Oder genauer gesagt: Man nimmt sie zur Kenntnis, aber sie lösen bei uns nicht die geringste Empörung aus. Die langsame Vernichtung, das endlose Martyrium dieser somalischen Familien sind für uns – wie soll ich sagen? – Teil einer gewissen Normalität. Was du nämlich an diesen letzten Abenden gesehen hast, ist nur der »medientauglichste« Aspekt der Hungersnot in Somalia. Tatsächlich türmt diese Hungersnot bereits seit mehr als einem Jahr Berge von Leichen in Südsomalia, in Galcasc, Colba, Dugiuma und Gherilla auf. Und diese Opfer siehst du nicht. Denn die Kameras von TF1, der RAI, des ZDF oder der BBC sind vor den Toren der äthiopischen Lager in Ogaden, Hunderte von Kilometern entfernt, aufgebaut. Was du siehst, sind die, die erst einmal davongekommen sind, die genug Kraft hatten, um die Grenze zu überschreiten und eines der feeding centers – der Aufnahmelager – in Ogaden zu erreichen.

Wo liegt Ogaden denn?

Ogaden heißt die große äthiopische Provinz, die direkt an Somalia grenzt und zum größten Teil von somalischen Hirten und Bauern besiedelt wird. Kaiser Menelik von Äthiopien hat diesen Teil des alten Somalia vor mehr als achtzig Jahren erobert und gewaltsam in sein Reich eingegliedert. Doch heute ist Äthiopien arm wie eine Kirchenmaus. Zudem führt die derzeitige Regierung in Addis Abeba, die nach einem mehr als zwanzig Jahre dauernden Krieg zuerst gegen die amharischen Kaiser, dann gegen den roten Diktator Mengistu, an die Macht gekommen ist, schon wieder Krieg! Dieses Mal gegen ihren nördlichen Nachbarn, die Republik Eritrea.

Ich will damit sagen, dass die wenigen Zehntausend, die sich wie durch ein Wunder aus Somalia retten konnten, heute in einem Land Zuflucht suchen, das selbst am Rand einer Katastrophe steht. Viele der Auffangzentren in den äthiopischen Regionen Dolo und Kallalo sind kaum mehr als Sterbelager.

Aber was unternimmt die somalische Regierung dagegen? Schließlich sind all diese Zehntausende von Dürreopfern, all diese Nomadenfamilien, deren Herden verendet sind, somalische Staatsbürger.

Das ist in der Tat nur schwer verständlich. Somalia ist um beinahe 100 000 Quadratkilometer größer als Frankreich, jedoch weitaus dünner besiedelt: Es hat nur 10 Millionen Einwohner. Im Norden beginnt die Wirtschaft sich nun langsam zu erholen. In den Regionen um Hargeisa, im Tal des Nogal sowie in vielen anderen weitläufigen Landschaften dieses riesigen Landes sind die Brunnen voll, die Ernten gut, und die Herden gedeihen wieder.

Und trotzdem tut die Regierung nichts für ihre Zehntausende von sterbenden Mitbürgern?

Das Problem ist, dass das stolze Somalia seit über zehn Jahren keine Regierung mehr hat, die diesen Namen verdient – obwohl es nur von einem einzigen Volk bewohnt wird, das eine einzige Sprache spricht, einer einzigen Religion angehört und die ethnischen Zerreißproben so vieler anderer Länder Afrikas nicht kennt. Feindliche Clans bekämpfen sich mit Kanonen, Kalaschnikows und Macheten. Jeder untersteht einem Kriegsherrn, der nur eines will: die alleinige Macht, Reichtum und Herden für seinen Clan.

Im Süden, wo die Hungersnot herrscht, gibt es einen kleinen Hafen: Merca. Bei den Kämpfen wurden die Kais zerstört. Die mit Reis beladenen Frachter der internationalen Hilfsorganisationen werfen nun vor dem Hafen Anker. Urtümliche, schwankende Schaluppen befördern die Säcke von dort in den Hafen, und das in absolut unzureichender Menge. Auf den halb eingestürzten Mauern des Hafens sitzen waffenstarrende junge Männer, deren Augen oft im Haschischrauch glänzen, und kassieren ihren Anteil ab. Sie laden die Säcke auf Lastwägen, um sie auf den Märkten des Nordens weiterzuverkaufen. Schlimmer noch: Mogadischu, einer der am besten ausgestatteten Häfen am ganzen Indischen Ozean, der ursprünglich von der italienischen Kolonialmacht gegründet worden war, verfügt über Kräne, Silos, Förderbänder und Hafenbecken für Schiffe mit Tiefgang, mit deren Hilfe Tausende und Abertausende von Tonnen Gütern pro Tag gelöscht, gelagert und dann verteilt werden könnten. Dieser moderne Hafen liegt etwas weiter nördlich von Merca, also nicht sehr weit von den Gebieten entfernt, in denen die Hungersnot wütet. Doch Mogadischu ist in Lähmung verfallen. Der Hafen ist geschlossen. Die örtlichen Kriegsherren haben den Krieg in die Stadtviertel getragen. Die Folge davon ist, dass keine internationale Hilfe mehr eintrifft. Aus Furcht vor Plünderung legen keine ausländischen Schiffe mehr an. Die Mannschaften fürchten um ihr Leben – und das ist nur allzu verständlich. Denn Geiselnahme ist in Somalia eine blühende Industrie!

Diese Kriegsherren sind Verbrecher, die ihr eigenes Volk ermorden!

Ganz richtig.









2






Wie viele Menschen sind heute vom Hungertod bedroht?

In ihrem letzten Bericht schätzt die FAO, die Food and Agricultural Organization (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen), dass 1999 mehr als 30 Millionen Menschen verhungert sind. Die Anzahl der Menschen, die im gleichen Zeitraum an chronischer schwerer Unterernährung litten, wird auf mehr als 828 Millionen beziffert. Das sind Männer, Frauen und Kinder, die auf Grund von Nahrungsmangel irreversible Schäden davongetragen haben. Entweder sie sterben mehr oder weniger bald, oder aber sie leben als schwer Behinderte dahin, auf Grund von Blindheit, Rachitis, ungenügender Entwicklung der Gehirnfunktionen.

Nehmen wir zum Beispiel die Blindheit: Seit 1980 erblinden jedes Jahr im Durchschnitt sieben Millionen Menschen, viele davon Kinder. Die meisten von ihnen auf Grund mangelhafter Ernährung oder infolge von Krankheiten, die mit der Unterentwicklung einhergehen. In den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas leben 146 Millionen Trachomininfizierte. Fünfzig Millionen sind blind. 1999 sagte Gro Brundtland, die Leiterin der Weltgesundheitsorganisation, als sie in Genf ihren Plan »Vision 2020« vorstellte: »80 Prozent der Sehschäden wären vollkommen vermeidbar.« Eine erste entscheidende Verbesserung könnte durch die regelmäßige Versorgung von Kleinkindern mit Vitamin A erzielt werden.

1990 litten 822 Millionen Menschen schweren Hunger. 1999 waren es 828 Millionen. Man kann diese Statistiken auf zweierleiWeise interpretieren. Die erste Interpretation lautet: Die Zahl der Hungertoten steigt unaufhörlich an, insbesondere in den Ländern der südlichen Hemisphäre. Vergleicht man allerdings die Anzahl der Opfer extremer Unterernährung mit der Zunahme der Weltbevölkerung, dann stellt man einen leichten Rückgang fest: 1990 litten 20 Prozent der Weltbevölkerung an extremer Unterernährung. Neun Jahre später sind es »nur« noch 19 Prozent.

Wo fordert der Hunger die meisten Opfer?

In Ost- und Südasien sind 18 Prozent der Männer, Frauen und Kinder davon betroffen. In Afrika sind es 35 Prozent der Bevölkerung. In Lateinamerika und in der Karibik hungern etwa 14 Prozent. Drei Viertel der von »schwerer Unterernährung« betroffenen Menschen leben auf dem Land. Ein Viertel stellen die Bewohner der Elendsviertel, die um alle Megalopolen der Dritten Welt aus dem Boden schießen.

Wie ist das möglich? Die Landbevölkerung, also die Bauern, die die Nahrungsmittel produzieren, ist am stärksten vom Hunger betroffen?

Genau! In Afrika südlich der Sahara beispielsweise findet man fleißige und tüchtige Bauern. Sie verfügen über ein althergebrachtes Wissen und schinden sich bei ihrer täglichen Mühsal halb zu Tode. Aber es sind vor allem diese Bauern, die ihr ganzes Leben lang nie ausreichend zu essen haben. Sie sind es, die sehr oft an den Folgen der Mangelernährung sterben oder von den großen Hungersnöten dahingerafft werden.

Afrika ist also der Kontinent, der am stärksten betroffen ist?

Nein, gemessen an absoluten Zahlen ist es Asien. Denn auf diesem Kontinent leiden 550 Millionen unter schwerer Unterernährung gegen »nur« 170 Millionen in Afrika südlich der Sahara.

Ist Europa denn vor Hungerkatastrophen sicher?

Keinesfalls! Insbesondere in den Ländern Osteuropas und in den Trümmern der ehemaligen Sowjetunion ist der Hunger auf dem Vormarsch. Vor allem alte Menschen, die nicht mehr am aktiven Leben teilnehmen, allein stehende Frauen und kleine Kinder sind von Ausgrenzung und extremer Armut betroffen. Die staatlichen Sicherungssysteme sind ebenso wie die subventionierte, in einem künstlichen Schutzraum angesiedelte Kollektivlandwirtschaft vom Sturm einer wilden Liberalisierung davongefegt worden. Und die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft sind diesem brutalen Kapitalismus, der zudem oft genug als Mafia daherkommt, schutzlos ausgeliefert. Ich gebe dir ein Beispiel:

1997 rief der russische Präsident Jelzin eine Kommission aus Ernährungswissenschaftlern, Ärzten und Anthropologen ins Leben, die die verheerenden Folgen des Hungers und der chronischen Unterernährung untersuchen sollte, unter denen die Völker der Russischen Föderation leiden. Der Abschlussbericht der Kommission kam zu folgenden Erkenntnissen: Die Männer der Föderation stehen im internationalen Vergleich der durchschnittlichen Lebenserwartung gegenwärtig an 135. Stelle, die Frauen an hundertster. Damit liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der Bewohner der Russischen Föderation derzeit weit unter der aller anderen Bewohner Europas oder Nordamerikas, während die Situation vor 1991, dem Jahr des Untergangs der Sowjetunion, für Russen, Europäer und Amerikaner etwa gleich war. Heute haben die Russen (Sibirer und alle anderen Bewohner der Föderation) sogar eine niedrigere Lebenserwartung als sämtliche Völker Asiens, mit Ausnahme der Kambodschaner und Afghanen. Ein Bewohner der Föderation stirbt im Durchschnitt 17 Jahre früher als ein Schwede und 13 Jahre früher als ein Amerikaner.

Und noch etwas: Auch in einem reichen Land kann man verhungern. Russland ist ein gutes Beispiel dafür. Die Russische Föderation ist heute weltweit führend in der Produktion von Gold, Uran, Erdöl und Erdgas. Sie bleibt außerdem die zweitwichtigste Atommacht auf dem Planeten. Es gibt noch andere paradoxe Beispiele; so gehört der Kongo beispielsweise zu den Ländern mit den wichtigsten Bodenschätzen. Dennoch verhungern dort Tausende von Menschen. In Brasilien monopolisiert eine mörderische Oligarchie alle wichtigen Güter. Dieses Land gehört zu den großen Getreideexporteuren der Erde. Dennoch löst die Unterernährung im Nordosten Brasiliens alljährlich ein Massensterben aus.


Siehe auch


Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt – und ihre globalen Widersacher (2003)



Jean Ziegler: Das Imperium der Schande (2005)



Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen (2009)



Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern (2012)



Jean Ziegler: Ändere die Welt! (2015)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 1.4.1999



Interview in der Germanwatch-Zeitung 4/2005



Weitere Links unter www.randomhouse.de/…